DAS CHRISTKIND
oder Veva und der große
Stern
Autor: Stijn Streuvels
Über der ganzen Ebene, soweit
sie reichte, lag der Schnee glänzend im Mondschein da. Das
erste, was Veva tat, war, dass sie zum Himmel aufblickte,
den großen Stern wieder zu finden, und aufgeregt erzählte sie
Trese, wie der große Stern gerade über dem Häuschen zu sehen
gewesen war, wo das Christkind aufs neue zur Welt kam. Aber nun
sah der Himmel ganz anders aus: alle Sterne hatten ihr Licht
angesteckt! Am schwarz-blauen Himmelszelt wimmelte es von großen
und kleinen Sternen, wirr durcheinander und dicht gesät; sie
funkelten und tanzten wie zitternde Feuerfünkchen, wie
schelmische Augen, die fortwährend zwinkerten und blinzelten.
Und mitten zwischen ihnen hing der schöne runde Vollmond, der
die ganze Welt mit silbrigem Glanz übergoss und den Schnee
erglitzern ließ, so weit das Auge reichte. Der Wind hatte sich
gelegt, und es war ganz still in dieser Nacht. Der Schnee
krachte, er knirschte unter jedem Schritt; an anderen Stellen
war er pulverig wie leckeres Backmehl, das unter dem Fuß
aufstäubt.
Veva fand jetzt alles noch viel einsamer und stiller als am
Abend. Es beängstigte und erfreute sie zugleich, wenn sie daran
dachte, dass
es nun Nacht war, die echte heilige Christnacht, und dass
sie sich aufgemacht hatte, das Jesuskind zu schauen; es war zu
überwältigend, um es zu glauben. Sie stapfte zwischen Trese und
der Mutter einher, und das war ihr das einzig Sichere, daran sie
sich überzeugen konnte, dass es kein Traum war, was sie
hier draußen auf dem Feld erlebte. Und doch, es kam noch die
Kälte dazu! Die Kälte, die überall hinkniff, wo sie bloße Haut
vorfand, und den ganzen Körper des Kindes wie mit tausend Nadeln
stach, so dass es tüchtig wehtat.
Zu Hause am Herd war es so warm gewesen, dass sie es nun
draußen schwer aushalten konnte - der Unterschied war gar zu
groß. Aber als sie so mit den Zähnen klapperte, dass
Mutter es hörte, warf diese ihr ihren Mantel über den Kopf, und
nun wurde es wirklich lustig. Veva lief wie in einem Kapellchen,
im dunkeln, aber warm eingemummt, und nun wußte sie selbst nicht
mehr recht, ob sie vorwärtsging oder an Ort und Stelle
trippelte; sie ließ sich nur führen, hielt Mutters Hand fest und
fing an, von ihrem unsagbaren Glück zu träumen. Die Pächtersfrau
und die Magd plauderten leise miteinander. Veva aber wollte oder
konnte es nicht hören, weil sie sich mit ihren eigenen Gedanken
beschäftigte.
Nach einer Weile öffnete Veva den Mantel einen Spalt breit, und
als sie mit einem Auge durchguckte, sah sie vorn Trese, die alte
Magd, die mit beiden Bündeln am Arm unter dem weit offen
stehenden Mantel einem wandelnden Fuder Heu glich. Nun wagte
Veva noch einen Blick, um in die Ferne auszuschauen, und
wahrhaftig; „Sieh, Mutter“, rief das Kind, „siehst du es! Das
Licht brennt noch! da ist's!“ „Ja, das ist das Kätnerhaus, wir
sind bald da...“
„Und was willst du nun zu dem Kindlein sagen?“ Veva wusste
nicht, was sie antworten solle; sie hatte nicht daran gedacht,
dort etwas zu sagen - das würde sie sich nie getrauen -, sie
wollte nur das Kindlein still bewundern. „Ich will es ansehen,
Mutter“, sagte sie.
„Und hast du das Kindlein nichts zu fragen? Das ist aber wenig.“
Veva überlegte, aber sie konnte es sich nicht denken, sonst noch
irgend etwas zu tun als das göttliche Kind anzuschauen. Sie war
voll schaudernder Ehrfurcht vor dem, was sie erleben sollte, und
schätzte diese Gunst allein so hoch, dass kein anderes
Verlangen in ihr aufkommen konnte. Sie fühlte sich unwürdig, wie
die dürftigste unter den Hirtinnen, die voll Glückseligkeit,
aber voll Furcht sich leise nahen und niederknien und kaum
aufzuschauen wagen zu dem göttlichen Kind, das wirklich aus dem
Himmel auf die Erde herabgestiegen ist. Sie konnte es sich nicht
anders vorstellen; sie kam nur, anzubeten, und schon das war ein
großes Glück für sie. Aber nun erfüllte Mutters Vorschlag, der
sie wie eine große Überraschung traf, ihr Herz mit neuer Freude.
„Du musst das Christkind bitten, dass es nächstes Jahr
auch einmal zu uns auf den Hof kommt“, sagte Mutter.
„Ach ja!“ dass sie daran nicht gedacht hatte! Dies war die
passende Gelegenheit, sich diese Gunst für das nächste Jahr
auszubitten.
„Ach, wenn das geschehen könnte!“, sagte Trese. Keine von den
dreien wusste noch etwas hinzuzufügen; sie schwiegen, als
geschähe es aus Ehrfurcht, weil sie sich jetzt dem Häuschen
näherten. Das Licht, das sie aus weiter Ferne hatten blinzeln
sehen, war nun ganz nah, und wirklich, nun traten sie leiser auf
und hielten inne, um die Ruhe nicht zu stören; denn hier war es
stiller als selbst auf der weiten Fläche, wo sich nichts
bewegte. Vor der Tür zauderten sie noch ein wenig, dann klopfte
Trese mit dem Knöchel sacht an das Fensterchen und flüsterte,
das Gesicht gegen den Spalt gedrückt: „Meetje, mach auf, Trese
ist da und hat gute Begleitung mit...“ Veva hielt den Atem an,
so ergriffen und scheu war sie. Sie fürchtete, dass
nun nach all dem langen Warten am Ende noch etwas dazwischenkommen könnte:
dass sie nicht eingelassen würden, dass sie das
Kindlein nicht zu sehen bekämen oder dass es vielleicht
schon fort wäre...
Aber Meetje öffnete hastig die Tür. „Womit kann ich euch
dienen?“ fragte das Frauchen, verwundert über diesen späten
Besuch. „Die Pächterin vom Gutshof und ihr Töchterchen würden
jetzt gern das Christkind sehen“, antwortete Trese in dem
gleichen gewollt feierlichen Ton. Aber nun tat er seine Wirkung:
„Ei, ei!“ rief das Frauchen mit verhaltenem Atem und gedämpfter
Stimme. „Wer ist da? Ist's wirklich wahr? Die Herrin selbst? Wie
kommen wir zu dieser Ehre? Und Trese, die alte Trese, noch so
spät... Gott, was für Sachen! Und in der Christnacht noch dazu!
Kommt doch herein! Und ich laß euch da in der Kälte stehen, wo
es so friert!“ Das Frauchen hatte ganz den Kopf verloren; sie
stotterte und stammelte vor Verwunderung. Sie könnten nichts
dafür, dass es hier so dunkel sei, weil sie nur ein
Lämpchen hatten, und das müßte in der Webkammer brennen bei der
Wöchnerin... Veva schlüpfte an Mutters Rock mit herein, blieb
bestürzt stehen und blickte bebend in die Dunkelheit. „Kommt
nur, ihr Leute“, flüsterte Meetje und drückte leise die Tür der
Kammer auf, wo das Lämpchen brannte.
Eine warme muffige Treibhausluft schlug ihnen entgegen, aber
weder die Pächterin noch die Magd sahen, wie man da hineinkommen
könnte. Mit Mühe mussten sie sich alle vorwärts schieben und
sich zwischen Kamin und Stühlen durchquetschen; die Kammer war
so klein, dass
beinahe kein Platz mehr übrig blieb, weil der Webstuhl und das Bett den
ganzen Raum in der Mitte ausfüllten. Der Mann war von dem
Flachsfaserfeuerchen aufgesprungen und schaute erschrocken, wer
da nun so unerwartet hereinkäme. Er suchte Platz zu schaffen und
schob die Stühle aus dem Weg und stellte sich selbst in den
äußersten Winkel. Die Frau im Bett öffnete ihre großen Augen und
richtete sich halb auf, um sehen zu können; da verklärte ein
leises glückliches Lächeln ihre Züge. So voll und so
durcheinander stand hier alles unter der Balkendecke zwischen
den weißgekalkten Lehmwänden, dass man das Ganze nicht
recht übersehen konnte. Aber Veva hatte es doch schnell
entdeckt: vor dem Bett, in dem die Frau lag, stand auf vier
plumpen Beinen eine hölzerne Mulde, und darin lag etwas, das mit
Webabfall und Lumpen umwickelt war, und ganz in der Ecke hinter
diesem wirklichen Krippchen standen Lenchen und Trinchen! Die
erschrockenen Gesichter der beiden Mädchen blickten verwundert
auf, und Veva sah, dass die beiden die Krippe bewachten,
in der das Kindlein liegen müsste. Das Mädchen wusste nicht, wie
sie dort hinkommen sollte, aber sie wagte nicht sich zu rühren,
noch zu sprechen.
„Dicht bei dicht macht warm“, sagte Meetje Moeie freundlich, „es
ist hier zwar etwas eng, wir sitzen alle in ein und demselben
Nest, da spart man Feuerung... Wir wärmen uns gegenseitig,
seht...“ Und sie wies auf eine dunkle Höhlung auf dem Boden
zwischen dem Fußende des Bettes und der Mauer: „Da liegen schon
zwei Schläfer, und die beiden ältesten müssen gleich noch mit
hinein - das ist die Schlafstelle für die Mädchen.“ Dann zeigte
sie auf das ausgetretene Loch unter dem Webstuhl: „Das ist das
Bett der beiden Jungen, sie liegen auch schon drin.“
Es war zu dunkel, als dass man etwas unterscheiden hätte
können, und es musste der Pächterin allmählich zum Bewusstsein
kommen, wie es hier von Kindern wimmelte und wie die
untergebracht waren. „Schlafen die Würmchen auch nur so auf der
Erde?“, fragte sie teilnehmend.
„Ach da liegen sie warm, sie haben zusammengeballte Säcke und
ein paar Lumpen in ihrer Kuhle, und sie wärmen sich aneinander“,
sagte Meetje Moeie.
„Still, dass sie nicht wach werden! flüsterte die Bäuerin,
denn sie fürchtete, es möchte jeden Augenblick ein tüchtiges
Geschrei losbrechen, wenn das Kroppzeug munter würde. Gott, wie
war es möglich, hier so aufeinandergepackt zu hausen? Jetzt
merkte sie, dass
es hier noch an anderem als an Kinderwindeln und leinenen Lappen fehlte.
Sie wußte nicht, was sie tun oder sagen sollte, so beschämt war
sie, hier als behäbige Bäuerin zu stehen, und es tat ihr leid,
dass sie nicht viel mehr mitgebracht hatte, was diesen
Leuten dienen könnte. Diesen Weihnachtsbesuch hatte sie als
reine Freundlichkeit aufgefasst, um einer Laune ihres Kindes zu
genügen, aber nun sah sie den Ernst der Lage, und ein
grenzenloses Mitleid erfüllte ihr Gemüt. Als sie sich nach Veva
umsah, merkte sie, dass das Kind - Gott weiß wie - durch
den engen Raum zwischen den Stützen des Kamins und dem Webstuhl
zu der Krippe geklettert war und an die beiden andern geschmiegt
dastand. Die Arme eins um des andern Schulter geschlungen,
beugten sie sich über die hölzerne Krippe und verharrten in
starrer Bewunderung. Das älteste Mädchen hatte ein Tuch
zurückgeschoben, und nun lag das Gesichtchen des Neugeborenen
frei. Sobald sie es gesehen hatte, wusste Veva nicht mehr, was
rund um sie her vorging, sie sah das Kindlein: ein ganz kleines
Kindlein, Äuglein und Mündchen zugekniffen, ein Gesichtchen,
nicht größer als eine kleine Faust... Sie sah es an und konnte
sich nicht satt sehen daran. Noch niemals hatte sie solch einen
kleinen, kleinen Säugling gesehen, und sie wagte erst nicht zu
glauben, dass er lebte.
Die Pächterin kümmerte sich um die Frau, die im Bett lag; sie
murmelte ganz leise, während Trese und Meetje Moeie die Bündel
aufmachten. Aber Veva sah und hörte nichts von alledem; sie
fühlte sich in dem Besitze dessen, was ihr höchstes Verlangen
darstellte: nun war sie überzeugt, dass
sie wirklich vor der Krippe stand und das Jesuskind anschauen durfte; sie
dachte keinen Augenblick daran, dass
es so ganz anders war, als sie es sich früher vorgestellt hatte. Von der
übernatürlichen Klarheit war hier nichts, nichts von dem Glanze
und dem Leuchten, die das göttliche Kind ausstrahlen müsste,
keine schwebenden Engel, kein himmlischer Gesang; aber dies
alles vermisste Veva nicht einmal, denn eine wunderbare Klarheit
strahlte aus ihrem eigenen Innern und erleuchtete alles, was sie
sah; und die ungewöhnliche Armut und Dürftigkeit der
vollgestellten muffigen Webkammer ließ sie unbewusst an den
armen kleinen Stall zu Bethlehem denken, wo der Wind frei durch
die Löcher blies. Die äußerst alltäglichen Dinge erschienen ihr
alle so wunderbar, dass
sie noch immer Mühe hatte, sich zu überzeugen, dass
es kein Traum war, aber sie spürte zu deutlich die Haarlocken an ihren
Wangen, und gegen ihre Schultern stießen von beiden Seiten die
Schultern ihrer beiden kleinen Gespielinnen Lenchen und
Trinchen, die ebenso entzückt schienen wie sie selbst und in
stummer Verwunderung vor der Krippe standen.
Trotz ihrer eigenen Verzückung fühlte Veva dennoch, wieviel
reicher und köstlicher der Besitz für Lenchen und Trinchen war,
denn diese vom Schicksal bevorzugten Kinder hatten diesen
heiligen Schatz ins Haus bekommen, indessen sie sich mit einem
Christbaum und ein wenig Tand hatte bescheiden müssen. Veva
beneidete die armen Mädchen jetzt nicht mehr; sie musste ihnen
unsäglich dankbar sein dafür, dass
sie sie an der Gnade, das göttliche Kind hier sehen zu dürfen, teilhaben
ließen.
Die drei hatten noch kein Wort miteinander gesprochen, als die
Pächterin mit halber Stimme fragte: „Veva, was hast du nun für
die artigen Kinder mitgebracht?“ Da stand die Kleine beschämt;
sie erschrak und wusste nichts zu tun als traurig aufzublicken,
da Mutter sie bei dieser hartherzigen Nachlässigkeit ertappte.
Alle ihre Gedanken waren vom Christkind eingenommen; was ihr die
Engel aus dem Himmel mitgebracht hatten, galt ihr so wenig, dass
ihr nicht einmal der Gedanke gekommen war, etwas davon an diese
armen Kinder zu verschenken. Wie gern hätte sie ihnen alle ihre
Schätze abgetreten, ihnen ihre Dankbarkeit zu zeigen für die
große Wohltat, die ihr zuteil wurde! „Nun, bleibst du noch hier,
oder gehst du mit Trese nach Hause?“ fragte die Pächterin. Veva
rührte sich nicht. Sie stand wie ein Bildstöckchen da und sah
ihrer Mutter flehend ins Auge. Sie wollte so gern hier bleiben!
„Gut, dann gehen wir in die Kirche und lassen dich hier, bis wir
wiederkommen.“ Veva konnte es nicht erwarten, bis Mutter weg
war, damit sie sicher sei, dass sie bleiben dürfte.
Der Mann und das alte Frauchen gaben der Pächterin und Trese bis
vor die Haustür das Geleit, dann wurde es vollkommen still im
Kämmerlein. Veva bekam einen Stuhl zum Sitzen, und nun standen
die Mädchen zu beiden Seiten der Krippe; sie strengten sich an,
als hätten sie Nachtwache beim Christkind zu halten. Meetje
Moeie schlurfte auf Strümpfen hin und her, legte Flachsfasern
auf Feuer und rührte in der Pfanne. Der Mann war nicht
zurückgekommen und war sicher auch zur Christmette gegangen.
Lenchen und Trinchen wagten noch immer nicht zu sprechen, aus
Ehrerbietung oder aus Furcht, dass
das Kindlein aufwachen könnte. Im stillen war es Vevas innigstes
Verlangen, das Kindlein wach zu sehen, oder dass
es doch einmal eines von seinen Äuglein öffnen möchte; es schien aber
ruhig weiterschlafen zu wollen. Wenn es geschah, dass
Veva flüchtig aufschaute, sah sie jedesmal in da bleiche Gesicht und die
sanften Augen der mageren Frau mit dem nie weichenden Lächeln,
die so glücklich schien und fortwährend ihren Blick auf die drei
Mädchen und die Krippe heftete.
Veva wußte eigentlich nicht, ob es sehr lange oder sehr kurz
gedauert hatte, aber es wunderte sie und sie erschrak, als sie
an der Haustür ein Geräusch hörte und Mutter schon zurückgekehrt
war. „Komm nun, Kind, die Leute wollen schlafen gehen und wir
auch“, sagte die Pächtersfrau. Veva stand wie angewachsen da;
sie hatte die beiden Händchen auf den Rand der Krippe gelegt,
weil sie es nicht wagte, das Kind selbst anzurühren, es fiel ihr
schwer, die Hände wegzuziehen und Abschied zu nehmen. Vor dem
Fortgehen sah sie noch zum letzten Mal zum Krippchen, und siehe
da: nun bewegte sich etwas und das Christkind schien aufwachen
zu wollen; es öffnete die Äuglein und lächelte! Veva schoss das
Blut zum Herzen, dass es heftig zu klopfen begann und sie
keinen Schritt vorwärts zu tun wagte. Aber Mutter drängte: „Komm
nur, es wird spät, die Leute werden schon daheim sein!“
„Mutter, Mutter!“ Veva wollte erklären, dass nun etwas
Wichtiges bevorstehe, aber die Pächterin begriff nicht, was ihr
Töchterchen sagen wolle. „Morgen darfst du noch einmal
wiederkommen, wenn du dich ausgeschlafen hast!“
Veva musste mit, Trese legte ihr das Tuch um die Schultern und
nahm sie an der Hand. „Sag guten Abend, oder besser, guten Tag!“
Und plötzlich fiel ihr etwas ein, und sie nahm den Faden wieder
auf: „Schau, es ist wahr: Gesegnete Weihnachten! Ich hatte
vergessen, dass
es schon Christtag ist!“
„Gesegnete Weihnachten!“
wünschten nun sie alle einander. Der Mann und Meetje Moeie kamen
bis zur Tür mit, um der Pächtersfrau zu danken; die Wöchnerin
rief vom Bett aus auch noch ihren Dank, worauf die junge Bäuerin
sich entschuldigte und versprach, am Tage noch das eine oder
andere zu schicken und alles für das Kindchen zu tun, was nötig
war... „Ihr werdet sehen!“ rief die alte Trese Meetje Moeie zu,
„dies Christkind bringt noch Glück ins Haus!“
Vevachen ging an Treses Hand; sie hatte nicht gewagt, sich noch
einmal nach der Krippe umzusehen; auch fehlte ihr der Mut,
Lenchen und Trinchen ihr Vorhaben mitzuteilen; aber sie war fest
entschlossen, alles, was sie zu Weihnachten bekommen hatte, mit
den Kindern zu teilen. Aber da erschrak sie auf einmal: sie
hatte vergessen, das Kindlein zu fragen, ob es im nächsten Jahr
zu ihnen auf den Hof kommen wolle! Sie wagte nicht zu bekennen,
dass
sie das versäumt hatte, und es quälte sie wie ein großes Unglück...
In der nächtigen Weite war es ganz still; noch immer überflutete
eine seltsame Klarheit die weiten weißen Felder, aber auf dem
Schnee liefen schwarze Menschengestalten, die aus der Kirche
heimkehrten. „Mutter, darf ich den Kindern morgen meine
Weihnachtssachen bringen?“
„Ja, Kind.!
„Die Kinder haben nichts bekommen, nicht wahr, Mutter?“
„Nein, nichts, Veva!“
„Aber sie haben das Christkindchen, Mutter!“
„Ja, sie haben das Christkindchen“, sagte die Pächtersfrau, und
es war Veva, als hätte die Mutter bei diesem Worte schwer
geseufzt. Und warum ließ Trese ein mitleidiges „Ach Gott, das
Kind!“ darauf folgen? Keins von den dreien sprach ein Wort, wie
sie so über den Schnee gingen, der fortwährend unter den Füßen
knirschte. Veva schaute aufwärts zu den Sternen, die immer noch
mächtig funkelten; ihr Herz war voll Freude und Angst, ihr Gemüt
gerührt von dem, was sie gesehen hatte. Das Geheimnisvolle des
Geschehens rund um sie her verstand sie nicht, und vielem, woran
sie dachte, vermochte sie weder einen Sinn noch eine Erklärung
zu geben. Es verlangte sie aber, sobald sie ausgeschlafen hätte,
ihre Geschenke nach dem Kätnerhaus zu bringen und die Freude all
der Kinder mitansehen zu dürfen.
In der großen Diele des Gutshofes war wieder Geräusch, Bewegung,
Licht, Wärme und üppige Geselligkeit in Fülle, wie am hellichten
Tag. Der Kaffee duftete, die mit Butter gestrichenen Schnitten
vom Weihnachtsstollen lagen hochgestapelt auf den Zinnschüsseln.
Jedem Neueintretenden wurden „Gesegnete Weihnachten“ gewünscht,
und jeder nahm an der großen Tafel Platz. Dann wurde die Flasche
wieder hergeholt und die Gläser wurden voll geschenkt. Veva
stand verlegen da wie in einem fremden Haus; sie fühlte keine
Lust, jemand etwas von dem mitzuteilen, was sie geschaut hatte:
immerfort guckte sie zur Mutter und Trese und hatte Angst, dass
eine von ihnen etwas davon erzählen könnte; sie wollte ihr Glück verborgen
halten. Als das Kind aus der kalten Luft plötzlich in die Wärme
kam, wurde es bald vom Schlaf überwältigt, und unwillkürlich war
es mit einem Stück Weihnachtsstollen in der Hand bei Tisch vor
Schlaf zusammengesunken; ohne dass
sie es gewahrte, wurde sie aufgepackt, ins Bett getragen und zugedeckt. Da
lag das Kind in tiefem Schlaf.
Aber was Veva an jenem Weihnachtsmorgen träumte, war noch
tausendmal schöner, als was sie in der Nacht in Wirklichkeit
erfahren und erlebt hatte. Als Engel schwebte sie auf Flügeln
über dem Schneefeld durch die Luft und trug den Christbaum mit
allem, was daran hing, federleicht auf ihrer Handfläche. Der
schöne große Stern mit den sieben feurigen Strahlen funkelte
hoch über dem Häuschen.
Mit rauschendem Flügelschlag schwebte Veva geradewegs durch den
Schornstein hinunter, ohne irgendwo anzustoßen. Nun war das
Häuschen voll von Licht und hellem Glanz. Sie brachte den
Christbaum hinein, an dem die Lichtlein brannten. Im Krippchen
lag rosig das Christkind mit einem Apfel in der Hand, selbst wie
ein Äpfelchen auf einem goldgelben Bettchen von Haferstroh. Es
hatte ein schneeweißes Hemdchen an, und seine blauen Äuglein
waren offen und lachten Veva freundlich an. Es schüttelte seine
schönen Ringellöckchen und streckte ihr die molligen Händchen
entgegen. Lenchen und Trinchen waren auch dabei und alle die
anderen Kinder und Hirten und Hirtinnen, die mit himmlischer
Stimme sangen:
Ihr Hirten,
lasst eure Schafe im Feld!
Der große Herr, der Schöpfer der Welt,
Er ist euch geboren, die ihr wart verloren,
Und liegt in der Krippe im kleinen Stall,
Euch zu erlösen nach Adams Fall.
Da wird er gefunden, in Windeln gebunden,
Eine Jungfrau ist Mutter dem Knaben klein,
Sein Vater ist Gott Vater allein.
Macht euch auf die Beine, ihr Hirten, schnell!
Lauft, Hirten, lauft! Lauft Hirten, lauft!
Lauft, Hirten, lauft! Lauft, Hirten, lauft!
Doch lasst mir schlafen das heilige Kind!
Seid leise, leise! Doch lauft geschwind!
Der Christbaum stand mitten in
der Kammer, so groß, dass er sie ganz ausfüllte, und nun
tanzten die Hirten und Hirtinnen rundherum, und Veva tanzte auch
mit zwischen Lenchen und Trinchen. Als sie sich müde getanzt
hatten, ging Veva ohne Zagen an die Krippe, sah das strahlende
Kindlein an und beugte sich mit all der Lust ihres kindlichen
zarten Gemüts tief zu ihm hinunter und flüsterte ganz leise,
sagte es sogar zweimal: „Christkind, Mutter bittet dich, du
sollst nächstes Jahr zu uns kommen!“ Und Veva sah deutlich, dass
das Kindlein freundlich nickte und lächelte.