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Weihnachtsgeschichte für Erwachsene

Die zweite Chance

von Klaus-Peter Behrens

Die Stadt lag unter einer weißen Puderschneedecke, auf der sich das Licht der unzähligen Weihnachtsbeleuchtungen tausendfach widerspiegelte und sie wie einen Diamanten funkeln ließ. Es war der Weihnachtsabend. Schnee rieselte in dicken Flocken wie in einem Weihnachtsmärchen sanft vom Himmel herab und ließ die Herzen der Menschen höher schlagen. Naja, vielleicht nicht aller Menschen.
„Das wird einen schönen Stau geben“, murmelte Tim, der aus seinem Luxuspenthouse hoch über den Dächern der Stadt dem Schneetreiben mißmutig zusah. Mit seinen vierzig Jahren war er am Zenit seiner Karriere angekommen. Als Geschäftsführer einer renommierten Firma für modernste Computertechnologie verdiente er mehr, als er es sich je erträumt hatte, besaß diverse Immobilien, Sportwagen und ein sattes Aktienpaket. Er galt als nüchtern, pragmatisch, durchsetzungsstark und emotionslos. Seine Gegner fürchteten ihn, und seine Angestellten sahen in ihm das Musterbeispiel eines Karrieremannes, der sein Leben ausschließlich der Arbeit gewidmet hatte. Böse Zungen behaupteten, er würde sogar am Weihnachtsabend lieber den Quartalsbericht lesen, anstatt das Fest zu begehen. Sie ahnten nicht, wie Recht sie damit hatten.
Mit einem Ruck zog Tim den Knoten seiner handgefertigten Seidenkrawatte zurecht und betrachtete sein Ebenbild in der Panoramascheibe, hinter der die gigantische Dachterrasse lag. Zufrieden, mit dem was er sah, nickte er. Das dunkle Haar lag perfekt gestylt, die Krawatte, die vorbildlich gebunden war, bildete einen eleganten Kontrast zu dem blütenweißen Hemd, und der zweitausend Euro teure Anzug saß so, wie man es von einem Anzug dieser Preiskategorie erwarten konnte.
Sein Blick fiel auf den von einem namhaften Designer handgearbeiteten, riesigen Wohnzimmertisch. Ein paar Wirtschaftszeitschriften, der letzte Quartalsbericht ein gußeiserner Aschenbecher aus dem siebzehnten Jahrhundert, ein Glas Wasser, ein Edelhandy der neuesten Generation sowie ein Briefumschlag eines auf Luxusreisen spezialisierten Reisebüros leisteten sich auf der großen Fläche Gesellschaft. Tim ging zum Tisch hinüber, nahm den Briefumschlag hoch und steckte ihn in die Innentasche seines taubenblauen Anzugs.
Die Fidschis zu Weihnachten.
Was wollte man mehr?

Innerlich bemitleidete er all die Menschen, die sich in diesem Moment mit Weihnachtsvorbereitungen abplagten, Geschenke verpackten, nadelnde Bäume schmückten oder gerade feststellten, daß echte Kerzen und trockene Bäume nicht gerade die ideale Kombination bildeten, quengelnde Kinder beruhigten und das Essen für eine ganze Kompanie von streitsüchtigen Familienmitgliedern vorbereiteten.
Streß in höchster Potenz!
Sollten sie sich doch alle der Illusion eines gelungenen Abends hingeben. Er würde dann schon längst hoch über all den Illusionisten einem entspannenden Urlaub entgegen schweben. Natürlich erster Klasse. Ein Blick auf seine sündhaft teure Armbanduhr bestätigte ihm, daß es an der Zeit war, die letzten Vorbereitungen zu treffen. Mit einem zufriedenen Grinsen auf dem Gesicht begab er sich in das Ankleidezimmer hinüber, um die letzten Sachen einzupacken.
Konnte das Leben besser sein?
 Hoch über den Lichtern der Stadt flog derweil ein ungewöhnliches Reisegefährt durch die Nacht. Gezogen von sechs Rentieren glitt der Schlitten des Weihnachtsmannes über die mit Schnee beladenen Wolken dahin, als würde er über festen Boden fahren. Neben dem Weihnachtsmann saß mit hoch konzentriertem Gesichtsausdruck Ruphus, der Elf, die Zügel fest in der Hand.

„Ich verstehe immer noch nicht, was Ihr bei diesem Mann wollt?“, grummelte Ruphus leicht verstimmt; denn der Weihnachtsmann weihte den Elfen nicht immer in all seine Pläne ein. „Die Versöhnung dieses obdachlosen Gitarrenspielers mit seiner Familie hat mir ja eingeleuchtet, aber das hier geht über meinen Horizont. Der Typ steht noch nicht einmal auf der Liste. Und wenn ihr mir die Kritik gestatten wollt, nach dem, was ich zwischenzeitlich von der Zentrale über ihn erfahren habe, hat er auch noch nie drauf gestanden. Der hat doch mit Weihnachten weniger zu tun, als der Osterhase.“
„Er ist vom rechten Weg abgekommen“, brummte der Weihnachtsmann, als sei das Erklärung genug.
„Und ist dabei in einem dreihundert Quadratmeter großen Penthouse gelandet! Das ist wirklich tragisch.“
„Geld ist nicht immer das, was die Menschen wirklich glücklich macht. Mitunter ist es nur ein Ersatz, der sie davon ablenkt, was sie wirklich wollen.“
Ruphus seufzte, während er den Schlitten durch das dichte Schneetreiben um einen hoch aufragenden Fernsehturm herum lenkte. Mit dem Weihnachtsmann zu diskutieren, machte keinen Sinn. Man konnte nur verlieren. Vor ihnen erhob sich nun die Shioulette eines Luxushochhauses, auf dessen Spitze ein Penthouse der obersten Kategorie thronte. Der Dachgarten allein war groß genug, um dort ein Tennisturnier austragen zu lassen. „Wenn du so nett wärst“, sagte der Weihnachtsmann, wobei er auf die Dachterrasse wies. „Landeerlaubnis erteilt.“

Mit einem satten Knirschen glitt der Schlitten über die schneebedeckte Dachterrasse und kam vor einem japanischen Gartenteich zum Stehen. Eine anmutige Brücke überspannte den gut und gern fünfzig Quadratmeter großen Teich. Mit einem Ächzen glitt der Weihnachtsmann vom Schlitten herunter und sah sich um. Die Terrasse war von zwei Seiten von dem Penthouse umschlossen, so daß man von mehreren Zimmern auf die Terrasse gelangen konnte. Die eine Seite bildete dabei im wesentlichen eine komplett verglaste Fassadenfront. Der dahinter liegende, riesige Raum war dezent beleuchtet. Das Gesicht des Weihnachtsmann verzog sich, als er feststellte, daß keinerlei weihnachtliche Dekoration vorhanden war.
„Wahrlich, ein armer Tropf“, spottete Ruphus beim Anblick des puren Luxus. „Was hat er sich denn gewünscht? Einen goldenen Fußboden?“
Der Weihnachtsmann überhörte den Spott und begab sich zur Glasfassade hinüber. Wie sollte er dort hineinkommen?
„Panzerglas, zehnfach Verriegelung, mit Holz verkleidete Stahlträger sowie Berührungsensoren mit Videoüberwachung“, resümierte Ruphus, der spöttisch seine Nägel betrachtete.
„Ruphus!“
„Schon gut.“

Gelangweilt schnippte der Elf mit den Fingern, worauf die große Wohnzimmertür wie von Zauberhand aufglitt. Leise Jazzmusik wehte auf die Terrasse hinaus.
„Na dann wollen wir mal“, brummte der Weihnachtsmann.
 Mit beiden Daumen zugleich drückte Tim die Riegel des edlen Lederkoffers ins Schloß. Das Ganze glich einem Ritual, das er an jedem Weihnachtsabend zelebrierte, um dieser künstlich sentimentalen Zeit zu entfliehen. Zufrieden mit sich selbst, nahm er den Koffer hoch und begab sich ins Wohnzimmer hinüber. Kaum hatte er dies betreten, blieb er jedoch abrupt stehen, als sei er gegen einen Bus gerannt. Mitten auf seinem Designersofa lümmelte sich ein Kind mit spitzen Ohren, während ein als Weihnachtsmann verkleideter, übergewichtiger Erwachsener interessiert sein vierhundert Liter fassendes Süßwasseraquarim betrachtete. Als Tim jedoch gewahr wurde, was erst auf seiner Terrasse los war, glitt ihm der Koffer aus den Fingern und landete mit einem dumpfen Poltern auf dem Travertinmarmorfußboden. Ein riesiger Schlitten mit einem Gespann aus sechs Rentieren stand vor seinem Gartenteich. Eines der Rentiere, mit einer verdächtig rote Nase, starrte neugierig in seine Richtung.
„Wie..., was...“, schnappte Tim, dem vor Erstaunen und Verärgerung die Worte fehlten.
„Fröhliche Weihnachten, Tim“, sagte der Weihnachtsmann.
„Ich ..... rufe die Polizei“, erwiderte Tim, der seine Fassung nur mühsam zurückgewann. „Ich glaube kaum, daß Ihr Weihnachten sehr fröhlich ausfallen wird. Hausfriedensbruch ist in diesem Staat strafbar.“ Mit ausgreifenden Schritten ging er zum Tisch hinüber, den Blick fest auf das Handy gerichtet. Aber bevor er in die Reichweite des Telefons gelangen konnte, fand er sich plötzlich in seinem Sessel sitzend wieder, unfähig, ein Glied zu rühren. Selbst seine Stimme war eingefroren.
„Danke, Ruphus“, sagte der Weihnachtsmann. „Schön, daß du uns deine Aufmerksamkeit schenkst“, wandte er sich an den wutschnaubenden Tim. „Es fällt uns zwar selbst schwer, das zu glauben, aber wir sind hier, um dir einen Wunsch zu erfüllen.“
Tim schnaubte verächtlich, worauf der Weihnachtsmann ihn tadelnd ansah.
„Manchmal weiß man nicht mehr, was man sich wirklich wünscht. Menschen wie du, die für die Karriere leben, verlieren den Blick für das Wesentliche.“ Der Weihnachtsmann machte eine Handbewegung, die den gesamten Wohnraum umfaßte. „Sie umgeben sich mit Statussymbolen und täuschen sich selbst über die innere Leere hinweg, die sie empfinden.“

Tim verdrehte die Augen.
„Deshalb wirst du uns heute abend begleiten; denn wir haben dir etwas Wichtiges zu zeigen.“
„Hmmmm, hmm, hmmm!“ protestierte Tim energisch, der nun ernsthaft befürchtete, daß er sich von den Fidschis verabschieden konnte. Vergeblich versuchte er, sich von den unsichtbaren Fesseln zu befreien. Auf einen Wink des Weihnachtsmanns klatschte Ruphus daraufhin in die Hände, und Tim hatte zumindest seine Stimme wieder.
„Ich denke nicht daran, euren Quatsch mitzumachen, es sei denn, ihr fliegt mich auf die Fidschis, und zwar erster Klasse!“, schimpfte er.
„Du wirst keine Zeit verlieren und deinen Flug rechtzeitig erreichen; wenn du das dann noch willst.“
Tim stöhnte. Sollte er auf diesen Quatsch wirklich antworten. Dabei fiel sein Blick auf das Aquarium. Verblüfft stellte er fest, daß die Fische wie in Wachs gegossen im Aquarium auf der Stelle standen. Selbst die Bläschen aus der Sauerstoffpumpe hatten auf dem Weg an die Oberfläche eine Pause eingelegt und bildeten nun eine glitzernde Kette. „Das gibt’s doch nicht“, entfuhr es Tim ungläubig. Verunsichert begegnete sein Blick dem von Ruphus, der über das ganze Gesicht grinste und erneut in die Hände klatschte. „Sieh mal auf deine Armbanduhr“, empfahl er Tim, der erfreut feststellte, daß er sich wieder bewegen konnte. Doch die Freude war nur von kurzer Dauer, als er dem Rat folgte. Seine Uhr im Wert eines unteren Mittelklassewagens, die laut Zertifikat lebenslang keine Sekunde verlieren sollte, war stehengeblieben. Irritiert schüttelte Tim sein Handgelenk und legte die Uhr an sein linkes Ohr. Deutlich vernahm er das leise Ticken des Schweizer Präzisionsuhrwerks. Trotzdem bewegte sich der Sekundenzeiger keinen Millimeter weiter. Allmählich wurde Tim mulmig zumute.
„Zeit ist relativ, falls du davon schon einmal gehört hast“, bemerkte Ruphus mit altkluger Stimme.

„Aus welchem Universum kommt ihr?“, ächzte Tim.
„Vom Nordpol“, brummte der Weihnachtsmann vergnügt. „Aber keine Sorge, dahin wollten wir dich nicht einladen. Wir wollten dir nur etwas zeigen, das dich interessieren dürfte.“
„Die Aktienkurse des Dax am kommenden Weihnachten?“
„Wart es einfach ab, Tim. Aber eines kann ich dir versprechen. Du wirst keine einzige Minute verlieren, sondern statt dessen eine Chance erhalten, die du nicht in Geld bezahlen kannst.“
„Nicht in Geld bezahlen“, wiederholte Tim nachdenklich. Wenn er ehrlich zu sich selbst war, hatten die beiden ihn wirklich neugierig gemacht. Zwar fiel es ihm schwer, an den Weihnachtsmann zu glauben, selbst unter Einbezug der seltsamen Begleitumstände und der Rentiere nebst Schlitten auf seiner Terrasse. Auf der anderen Seite war die Situation alles andere als normal. Der Weihnachtsmann – Tim beschloß, ihn bis zum Beweis des Gegenteils erst einmal so zu nennen – und dieser Winzling verfügten definitiv über eine beeindruckende Technik, aus der sich möglicherweise Kapital schlagen ließ. Irgendwie musste der Schlitten ja schließlich auf seine Terrasse gekommen sein. Und dann gab es da ja auch noch die Tricks mit der Zeit. Sollte er sich auf die Sache einlassen? Was konnte er verlieren? Wenn es stimmte, was der Weihnachtsmann sagte, konnte er nur etwas gewinnen, und Gewinn klang in allen Sprachen wie Musik in seinen Ohren. Er traf eine Entscheidung.
„Na schön, aber wenn ich wegen euch meinen Flieger verpasse, könnt ihr was erleben. Also, wie geht’s weiter?“
Statt einer Antwort zu geben, wies Ruphus mit dem Daumen nach draußen. „Bitte begeben Sie sich zum Einchecken, und halten Sie Ihre Bordkarte bereit“, antwortete der Elf mit einem Grinsen.
Wenige Minuten später erhielt Tim eine ungefähre Vorstellung davon, welchen Fliehkräften Kampfpiloten bei Extremmanövern ausgesetzt sind. Sein Schreckensschrei scheuchte eine friedlich dösende Gruppe von Fledermäusen im Glockenturm auf, als Ruphus den Schlitten in einer atemberaubenden Kurve, die jeden Kampfpiloten vor Neid hätte erblassen lassen, um das hoch aufragende Bauwerk herum jagte.
„Falls du auf Adrenlin aus bist, versuch´s doch mal mit dem Moutainbike die Eigernordwand hinunter“, fauchte Tim aufgebracht angesichts des selbstmörderischen Flugstils des Elfen. Seine Finger krallten sich in das Holz des Schlittens und hinterließen tiefe Furchen. Er konnte es immer noch nicht glauben, daß er sich tatsächlich auf diese Sache eingelassen hatte und begann, seine Entscheidung heftig zu bereuen. Zu seiner Überraschung erhielt er Unterstützung vom blaß gewordenen Weihnachtsmann, der sich noch gut daran erinnern konnte, was ihm widerfahren war, als der Elf im letzten Jahr über einem Zoo die Kurve ähnlich eng genommen hatte und er daraufhin vom Schlitten gefallen war. Die Eisbären im Freigehege waren alles andere als erfreut über seine überraschende Ankunft gewesen.

„Schon gut, wir sind sowieso gleich da“, winkte Ruphus nach der Ermahnung des Weihnachtsmannes ab und zeigte nach unten. Tatsächlich hatten sie bereits den Randbereich der Stadt erreicht. „Kommt dir das bekannt vor?“, fragte Ruphus den noch immer verärgerten Tim. Eine Ansammlung einfacher aber gepflegter Einfamilien- und Doppelhäuser erstreckte sich unter ihnen scheinbar bis zum Horizont. Die Weihnachtsbeleuchtungen in den Gärten blinkten wie Landelichter eines Flugplatzes zu ihnen hinauf. Es dauerte einen Augenblick, bis Tim aus dieser ungewohnten Perspektive erkannte, wo sie waren.
„Hier bin ich aufgewachsen“, stellte er verblüfft fest, „und ich kann mich nicht erinnern, daß ich mir gewünscht habe, in diese langweilige Gegend zurückzugelangen. Herzlichen Dank auch.“
Der Weihnachtsmann schüttelte traurig den Kopf. „Du bist wirklich ein schwerer Fall. Kennst du nicht den Song von Chris Rea?“
„Ich mag keine gefühlsduseligen Weihnachtssongs!“, stellte Tim kategorisch fest.
„Wär aber besser, wenn du dir mal n´ Sampler anschaffen würdest, Kumpel. Du hast nämlich wirklich n´Problem“, bekundete Ruphus. Dann schnalzte er mit der Zunge, worauf die Rentiere den Schlitten derart in den Sturzflug zogen, daß Tim die Luft weg blieb. Kurz vor dem unvermeidbar erscheinenden Aufprall auf dem steinhart gefrorenen Boden ging Ruphus in den Horizontalflug über, und statt die Bruchlandung des Jahrhunderts hinzulegen, glitt der Schlitten wie von Zauberhand federleicht über den vereisten Untergrund des örtlichen Stadtteilspielplatzes, bis er schließlich vor einem Schaukelgerüst zum Stehen kam. Taumelnd glitt Tim vom Schlitten hinunter und wankte zum nächsten Baum hinüber.
„Du solltest weniger Pizza essen“, riet Ruphus nach einem Blick auf das, womit Tim gerade den Baum fütterte.

„Scheint nicht sein Tag zu sein“, brummte der Weihnachtsmann, der den Flugstil des Elfen besser gewöhnt war, als der arme Tim.
„Was zum Henker wollt ihr mir hier zeigen?“, fluchte Tim, während er sich mit einem Seidentaschentuch den Mund abwischte und den Elf wütend anfunkelte. Wenn Blicke töten könnten, hätte der Elf in diesem Moment das Zeitliche gesegnet. So aber grinste er nur vergnügt, was in Tim schon wieder den Ärger hochkochen ließ. Verärgert schoß er einen Blick auf den Weihnachtsmann ab, der Tim mitleidig beobachtete.
„Weihnachten ist das Fest der Familie, Tim. Hast du das vergessen?“, fragte er.
„Ist doch alles Blödsinn. Nur weil man einen nadelnden Baum ins Wohnzimmer schleift und sich von schnulzigen Weihnachtsliedern berieseln läßt, ist plötzlich Familyday? Wieso ausgerechnet an diesem Tag? Familie hat man schließlich das ganze Jahr!“
„Und wie oft kümmerst du dich um deine Familie im Jahr?“
„Ich ...“ Tim zögerte. Wenn er ehrlich zu sich selbst war, lautete die Antwort: Überhaupt nicht. Das war etwas, was er bisher erfolgreich verdrängt hatte. Wann hatte er seine Eltern zum letzten Mal gesehen? Am Geburtstag seiner Mutter war das Meeting in Hongkong gewesen, Ostern die Ausstellung in Paris und am Geburtstag seines Vaters.... Tim wußte es nicht mehr. Unangenehm berührt sah er zum Weihnachtsmann hinüber, der ihn vorwurfsvoll ansah. „Na schön, nicht allzu oft. Die Moralpredigt ist angekommen. Wir können weiter“, blaffte Tim, dem die Situation unangenehm war. Aber der Weihnachtsmann schüttelte den Kopf.

„Noch nicht. Du solltest dir vorher noch etwas ansehen. Ruphus...“ Auffordernd sah der Weihnachtsmann zu seinem Gehilfen hinüber, der daraufhin aus der Jackentasche seiner grünen Wildlederjacke einen Behälter in der Größe einer Puderdose hervor holte. Vorsichtig öffnete er sie und entnahm ihr ein wenig des wie Sternenstaub schillernden Inhalts. „Willkommen zu Hause“, sagte er. Dann blies er das Pulver von seinen Händen, das sich sofort wie dichter Nebel ausbreitete und die drei Gefährten umhüllte. Als Tim wieder klar sehen konnte, staunte er nicht schlecht. Sie befanden sich im weitläufigen Wohnzimmer seiner Eltern. Wie machte dieser Winzling das bloß? Ob er ihm das Patent abkaufen konnte? Dann jedoch fiel sein Blick auf den prachtvoll heraus geputzten Weihnachtsbaum, dessen Anblick alle anderen Gedanken auf einen Schlag verdrängte. Die prächtige Nordmanntanne reichte bis zur Decke. Auf ihrer Spitze balancierte ein in die Jahre gekommener Engel, der über mehreren Dutzend elektrischen Weihnachtskerzen thronte. Ihr warmer Schein reflektierte sich in den unzähligen bunten Christbaumkugeln und ließ das Lametta geheimnisvoll glänzen. Erinnerungen, die Tim bisher sorgfältig in seinem Inneren verschlossen hatte, drängten nun mit Macht an die Oberfläche und ließen einen Kloß in seinem Hals entstehen. Weihnachten. Er hatte ganz vergessen, wie schön dies Fest für ihn einst gewesen war, bis zu jenem Weihnachten, an dem.... Gewaltsam verdrängte er die Erinnerung an ein Weihnachtsabend vor zwanzig Jahren, an dem er die Weichen für seine Zukunft gestellt hatte. Statt dessen richtete er seine Aufmerksamkeit auf das Eßzimmer, aus dem Geräusche verkündeten, daß jemand den Tisch deckte. Aufmunternd nickte ihm der Weihnachtsmann zu, worauf Tim mit zögernden Schritten ins Eßzimmer hinüber ging. Im Durchbruch blieb er stehen und stellte mit einem mulmigen Gefühl im Magen fest, daß seine Mutter gerade den letzten Teller auf den Tisch stellte. Den dritten Teller, wie Tim beklommen feststellte. „Mutti, es tut mir leid, aber ich kann heute nicht kommen“, sagte er mit echtem Bedauern in der Stimme, doch seine Mutter sah noch nicht einmal auf, sondern richtete mit traurigem Gesichtsausdruck die Tischdekoration zurecht.

„Sie kann dich weder sehen noch hören“, erklärte der Weihnachtsmann.
„Danke, jetzt fühle ich mich richtig beschissen. Die Fidschis brauche ich jetzt mehr, denn je“, knurrte Tim. In diesem Moment betrat sein Vater das Zimmer. Irritiert registrierte Tim, daß dieser merklich gealtert war. Hatte er ihn wirklich schon so lange nicht mehr gesehen?
„Er wird nicht kommen“, tröstete er Tim´s Mutter. „Du weißt doch, daß er immer beschäftigt ist, selbst an Weihnachten.“ Tim´s Mutter nickte zustimmend, aber ihr Gesicht sprach eine andere Sprache, die Tim zu Herzen ging. Er hätte nicht gedacht, daß seinen Eltern seine Anwesenheit so wichtig war.
„Vielleicht überlegt er es sich ja noch“, sagte seine Mutter, die sich verlegen mit dem Ärmel über die Augen wischte.
„Du bist schon ein echtes Herzchen“, brummte Ruphus. „Kannst stolz auf dich sein.“
„OK. Das genügt. Bringt mich nach Hause zurück. Ich werde sehen, ob ich den Flug auf Morgen verschieben kann und schneie dann eventuell hier noch rein.“
„Du hast es immer noch nicht verstanden“, stellte der Weihnachtsmann betrübt fest. „Weihnachten ist nicht nur das Fest der Familie, es ist auch das Fest der Liebe.“
Tim spürte, wie ihm bei diesen Worten flau im Magen wurde.
„Bring uns zurück zum Schlitten“, wandte sich der Weihnachtsmann an Ruphus. „Wir müssen noch einen Besuch machen.“

Tim wunderte sich nicht mehr, als er sich flugs auf dem Schlitten wiederfand, den Ruphus sofort in beeindruckendem Tempo aufsteigen ließ.
„Mein Bedarf ist gedeckt. Ihr könnt mich jetzt zu Hause absetzen.“
„Vorher müssen wir dir noch etwas zeigen. Ich glaube, daß es einen ganz bestimmten Grund gibt, warum du vor Weihnachten fliehst. Einen Grund, der tief vergraben in deiner Vergangenheit liegt. Habe ich Recht?“
„Blödsinn“, knurrte Tim unangenehm berührt. „Ich stehe einfach nicht auf Frost und Schnee. Im Süden lebt es sich um diese Zeit angenehmer.“
Der Weihnachtsmann antwortete nicht, sondern hob nur seine Augenbrauen als Zeichen, daß er der Erklärung nicht glaubte. „Dort drüben“, wandte er sich an Ruphus, der den Schlitten nun über eines der Viertel lenkte, auf das die Stadt alles andere als stolz war. Verkommene Plattenbauten ragten düster in den schneebeladenen Himmel auf. In finsteren Straßenschluchten trieben sich zweifelhafte Gestalten herum, und die wenigsten Fenster waren weihnachtlich erleuchtet. Es war eine trostlose Gegend, die Tim normalerweise meilenweit gemieden hatte.
Mit dem Geschick eines Hubschrauberpiloten landete Ruphus derweil den Schlitten auf einem der instandsetzungsbedürftigen Hochhäuser. Kaminschlote, die neben dem Schlitten lotrecht in die Höhe ragten und eine ganze Ansammlung von Mobilfunkantennen ließen die Umgebung im Schneetreiben wie die Szenerie aus einem Science Fiction Film erscheinen.

„Hier war ich definitiv noch nie!“, stellte Tim fest.
„Davon bin ich überzeugt“, brummte Ruphus. „Gibt so wenig Golfclubs in der Gegend.“ Dann blies er Tim erneut den schon bekannten Sternenstaub ins Gesicht. Doch diesmal landeten sie nicht in einem festlich geschmückten Wohnzimmer, sondern in einem trübe beleuchteten, schmuddeligen Flur vor einer angeschlagenen Wohnungseingangstür. Wer dort wohnte, konnte Tim nicht erkennen, denn der Weihnachtsmann verdeckte mit seiner fülligen Gestalt den Blick auf das Klingelschild.
„Hinter dieser Tür liegt der Grund, weshalb du Weihnachten fürchtest“, stellte der Weihnachtsmann mit düsterer Stimme fest. „Bist du bereit, dich den Schatten deiner Vergangenheit zu stellen.“
„Was für Schatten? Mein Leben ist sonnig und sorgenfrei. Was soll der Blödsinn?“
„Wenn das so ist, hast du bestimmt kein Problem damit, durch diese Tür zu schreiten.“
Der Weihnachtsmann machte eine einladende Handbewegung, doch Tim zögerte. Die Schatten seiner Vergangenheit. Eines musste man dem alten Knaben lassen, er verstand es, düstere Stimmung zu verbreiten, dachte Tim verärgert. Als Weihnachtsmann war er allerdings echt eine Fehlbesetzung. Wenn er mit der Nummer bei den Kids auftaucht, brauchen die anschließend eine Therapie.
„Was erwartet mich dahinter?“, fragte Tim.
„Finde es heraus.“ Auf einen Wink des Weihnachtsmanns schnippte Ruphus gelangweilt mit den Fingern, worauf die Tür wie von Zauberhand aufging. „Keine Sorge, auch hier wird niemand deine Anwesenheit bemerken.“
„Auf was habe ich mich da bloß eingelassen?“, stöhnte Tim, dann überschritt er zögernd die Schwelle.
Der kurze Flur war sauber aber simpel möbliert. Erstaunt stellte Tim fest, daß seine italienischen Maßschuhe keinen Laut auf dem billigen Laminatboden hinterließen. Vorbei an einer beladenen Garderobe begab sich Tim zur Wohnzimmertür hinüber, die nur halb geschlossen war. Leise Weihnachtsmusik und Stimmengewirr drang in den Flur hinaus und etwas, das wie ein unterdrücktes Schluchzen klang. Beklommen betrat Tim das Wohnzimmer und kam sich vor, wie ein Spion, der die tiefsten Geheimnisse seiner Mitmenschen erforschte.
Das erstaunlich gemütliche Wohnzimmer beherbergte nur eine Person. Eine Frau, mit langen dunklen Haaren, in denen sich die ersten grauen Strähnen zeigten. Sie wandte Tim den Rücken zu und sah sich einen alten Weihnachtsfilm im Fernsehen an. Gelegentlich schluchzte sie gerührt auf. Etwas an dieser Frau kam Tim verdächtig bekannt vor. Seine Beine zitterten, als er sich Schritt für Schritt der Unbekannten näherte.
„Mein Gott“, hauchte Tim erschüttert, als er erkannte, wer die verhärmt wirkende, vorzeitig gealterte Frau in dem Fernsehsessel war. Sonja, seine erste große Liebe. Er war überzeugt davon gewesen, daß Sonja längst verheiratet war, viele Kinder und einen liebevollen Mann hatte. Das hier hingegen hatte er nicht erwartet.
Die Schatten seiner Vergangenheit.
Bedrückt erinnerte er sich an einen Weihnachtsabend vor vielen Jahren, an etwas, auf das er nicht stolz war, aber unumgänglich gewesen war für seine Karriere.
Die Schatten seiner Vergangenheit.
Hatten sie ihn eingeholt? Nach so langer Zeit?

„Sie ist nie darüber hinweg gekommen. All ihre Beziehungen nach dir sind gescheitert. Auch sie fürchtet Weihnachten“, sagte der Weihnachtsmann, der wie ein Geist an Tim´s Seite aufgetaucht war und ihn zusammenzucken ließ.
„Ist es nicht Ihre Aufgabe, Freude und Glück zu verbreiten?“, fragte Tim bissig. „Das ist Ihnen bei mir jedenfalls gründlich mißglückt. Herzlichen Dank!“
„Gib nicht mir die Schuld daran, daß du dich schlecht fühlst. Jeder trifft im Leben seine eigenen Entscheidungen, und manche hinterlassen Spuren, die sich nicht tilgen lassen.“
„Manche Entscheidungen sind unumgänglich, wenn man erfolgreich sein will. Ich habe jetzt genug von dieser Show und will nach Hause. Auf der Stelle.“
„Wie du willst“, lenkte der Weihnachtsmann zu Tim´s Überraschung ein.

 
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