EINE NICHT GANZ SO STILLE
NACHT
Autor: Klaus-Peter Behrens
„Ich sollte mich allmählich zur
Ruhe setzen.“
Müde stapfte der Weihnachtsmann durch
den tiefen Schnee. Sein Atem bildete kleine Wolken in der kalten,
kristallklaren Luft, die in immer kürzeren Intervallen geradewegs
aus den Tiefen seines schneeweißen Bartes zu kommen schienen.
Grundsätzlich besuchte der Weihnachtsmann die Kinder am
Weihnachtsabend ja gerne, doch dieser Anstieg durch den Wald den
Hügel hinauf war wahrlich kein Vergnügen. Schon gar nicht, wenn man
mehrere hundert Jahre alt war, dazu noch einen großen Sack mit sich
herumschleppen musste und einem als LichtTchibo nur der gute alte
Mond zur Verfügung stand, der es sich nicht nehmen ließ,
gelegentlich hinter einer Wolke zu verschwinden. „Vielleicht hätte
ich doch Ruphus mitnehmen sollen“, überlegte der Weihnachtsmann,
während er für einen Moment anhielt, um wieder zu Atem zu kommen.
Fast ein wenig neidisch dachte er an den Weihnachtselfen, der es
sich vermutlich gerade in dem Rentierschlitten bequem machte und
nichts anderes zu tun hatte, als auf die Rückkehr seines Meisters zu
warten. Elf musste man eben sein. Sein müder Blick wanderte den Hügel
hinauf. Ein warmer Lichtschein fiel dort durch die Bäume und wies
ihm so auf den letzten Metern den Weg. „Nun gut, die Pflicht ruft.
Wäre doch gelacht, wenn ich den Rest nicht auch noch schaffe“,
seufzte er und setzte sich wieder in Bewegung.
Etwas weiter oben lag Harro, der
Hofhund, in seiner Hütte und sinnierte über die Ungerechtigkeit des
Lebens. Heute war Heiligabend. Das war nicht zu übersehen. Überall
auf dem Hof brannten bunte Lampen, und aus dem Haus roch es zum
ersten Mal seit Wochen wieder richtig gut. Ganz offensichtlich wurde
dort etwas Schmackhaftes zubereitet, nur ihm würde das vermutlich
nicht viel nützen. Mißmutig fiel sein Blick auf den Freßnapf, der
vor seiner Hütte stand und vor Trockenfutter überlief. „Eigentlich
müssen wir ja sparen“, hatte sein Herrchen ihm vorhin verkündet und
dann sein Futternapf doch bis zum Rand gefüllt. „Aber heute ist
Weihnachten. Tut mir leid, alter Junge, aber mehr als Trockenfutter
ist nicht drin.“ Und das zu Weihnachten! Harro war sauer. Am
liebsten hätte er jetzt Minka, die alte Hauskatze, über den Hof
gejagt und sich ein wenig mit ihr gestritten, doch die war leider
diesen Herbst verstorben. Harro vermißte sie. Auch wenn er es ihr
nie gegenüber hatte zugeben können, er hatte die alte Katze gemocht.
Nun war er das einzige Tier im Haus, und das war langweilig. Noch
mehr als er, schien jedoch die fünfjährige Tina unter dem Verlust zu
leiden. Seit Minka verstorben war, lief sie nur noch mit Trauermiene
herum und schien Harro gar nicht wahrzunehmen. Als ausgewachsener
Schäferhund war er eben kein geeigneter Ersatz für eine Angorakatze,
egal wieviel Mühe er sich auch gab, ihre Aufmerksamkeit zu erlangen.
Das Leben war einfach ungerecht. Ein plötzliches Geräusch lenkte
Harro von seinen trübseligen Gedanken ab. Wenn ihn sein gutes Gehör
nicht täuschte, schlich sich jemand auf der anderen Seite des Hofes
den Hügel hinauf. Das war zur Abwechslung einmal interessant. In
freudiger Erwartung bleckte Harro die Zähne. Während andere Hunde
nun laut bellend den Eindringling begrüßt hätten, liebte Harro den
Überraschungseffekt, den er, sehr zum Leidwesen des örtlichen
Briefträgers, bis zur Perfektion eingeübt hatte. Leise schlich er im
Schatten der Hauswand zur anderen Seite hinüber, verbarg sich hinter
einem großen Rhododendrenstrauch, der unter der Last des Schnees
halb begraben war und wartete auf den Eindringling. Der große
Weihnachtshund schien ein Einsehen zu haben und ihm etwas zum
Spielen zu schicken. Harro würde sein Geschenk gebührend empfangen.
„Meinst du, der Weihnachtsmann hat
mich vergessen?“
„Natürlich nicht“, beruhigte Maren
ihre kleine Tochter. Liebevoll strich sie ihr über das blonde,
leicht gewellte Haar und vergaß für einen Moment den ganzen Ärger,
der sie zu überrollen drohte. Michael, ihr Mann, hatte vergangenen
Sommer seinen Job verloren und bisher keinen neuen gefunden. Mit
über vierzig Jahren hatte man ihn bisher überall rigoros abgelehnt.
„Zu alt“ war die regelmäßige Begründung, auch wenn keiner sich
traute, das direkt auszudrücken. Aber zwischen den Zeilen konnte man
deutlich lesen, was der wirkliche Grund war. Sie steckten wirklich
in der Klemme. Wenn nicht bald ein Wunder geschah, würden sie sogar
ihr Haus verkaufen müssen.
„Aber es ist schon spät, und er ist
immer noch nicht da.“
„Keine Sorge, er wird schon noch
auftauchen, Papa hat dafür gesorgt“, vertröstete sie die Kleine,
„aber ich weiß nicht, ob er dir das Spielzeug schenkt, das du dir
wünscht“, bereitete sie ihr Kind auf eine mögliche Enttäuschung vor,
denn das Geld reichte dieses Jahr nicht für große Geschenke. Mit
ihrem Mann hatte sie sogar abgemacht, sich gegenseitig gar nichts zu
schenken und das, obwohl sie doch einen Herzenswunsch hatte.
„Ich habe mir kein Spielzeug
gewünscht“, erwiderte Tina ernsthaft.
„Was dann?“
„Das darf ich nicht verraten, sonst
geht es nicht in Erfüllung.“
„OK, verstehe. Na dann lassen wir uns
eben überraschen, und nun laß Mami weiter arbeiten. Ich muss noch
viel erledigen, bevor der Weihnachtsmann kommt.“
„Ist gut.“ Wie der Wirbelwind
verschwand Tina aus dem Zimmer, wobei sie fast Michael umgerannt
hätte, der gerade im Begriff war, eine Girlande aufzuhängen.
„Du hast doch den Studentendienst
nicht vergessen?“, hakte Maren vorsichtig nach. Sie mussten zwar
sparen, aber der Weihnachtsmann vom Studentendienst kostete nun
wirklich nicht die Welt. Das hatte allerdings auch seinen Grund.
„Nein, obwohl ich das für Unsinn
halte. Wenn ich nur an das letzte Jahr zurück denke. Der Typ, den
sie uns geschickt hatten, war vor lauter Alkohol so weggetreten,
dass er vom Schlitten fiel und die ganze Zeit wie ein Vodoopriester
auf Valium vor sich hin grinste.“
„Ja, ho, ho, hol mir mal ein Bier“,
kam wirklich nicht so gut an“, gab Maren kleinlaut zu, „aber
diesmal haben sie versprochen, jemand mit Erfahrung zu schicken.“
„Vielleicht sollte ich mich dort
bewerben. Mit meinem Alter wäre ich doch gut qualifiziert.“
„Michael!“
„Tut mir leid, aber ich hatte heute
schon wieder Post.“
„Absagen?“, hauchte Maren ängstlich.
Michael nickte.
„Verbunden mit den besten
Weihnachtswünschen. Reizend, nicht wahr? Vielleicht sollte ich
wirklich auf Weihnachtsmann umsatteln. Das wäre doch einmal ein
lockerer Job.“
Diese Einschätzung konnte der
Weihnachtsmann gar nicht teilen. Nachdem er endlich schwer prustend
sein Ziel erreicht hatte, musste er feststellen, dass dieses von
einem Jägerzaun umgeben war. Ihm blieb auch nichts erspart.
Natürlich hätte er auch den Weg durch die Gartenpforte nehmen
können, aber er wollte ja unbemerkt bleiben. Also wählte er den Weg
über die Rückseite des Gartens und hievte ächzend ein Bein über den
erstaunlich hohen Zaun. Prompt blieb er mit dem Hosenboden an einem
der spitzen Pfähle hängen. „Verdammt, das fehlt mir noch“, fluchte
er, während er wenig elegant das zweite Bein über den Zaun
beförderte, das Gleichgewicht verlor und erst einmal der Länge nach
mit dem Gesicht voraus im Schnee verschwand.
Harro war gelinde gesagt enttäuscht.
Einen Einbrecher hatte er sich anders vorgestellt. Gut, der Typ
schleppte einen großen Sack mit sich herum, was seine Absichten aus
der Perspektive des Hundes hinreichend dokumentierte. Trotzdem, in
dem Alter sollte man nach Harros Meinung besser im Schaukelstuhl
sitzen und nicht in einem abgefahrenen Kostüm Einbrüche verüben.
Harro bezweifelte, dass es Spaß machen würde, den Einbrecher, der
sich gerade wie ein altersschwacher Bär aus dem Schnee hoch kämpfte,
über den Hof zu jagen. Aber egal, man nimmt, was man vor die
Schnauze bekommt. Vielleicht würde er ja munterer werden, wenn er
ihn mit seinen Zähnen bekannt machen würde. Das war eine gute Idee.
Auf steifen Beinen verließ Harro sein Versteck. Das Spiel konnte
beginnen.
„Das ist das letzte Mal“, fluchte der
Weihnachtsmann leise vor sich hin, während er den verbliebenen
Schnee von seinem roten Mantel klopfte. Eine Inspektion seiner
Kehrseite bestätigte ihm, dass dort ein erschreckend großer Riss
klaffte. Verfluchter Jägerzaun. Seufzend brach er die weitere
Überprüfung ab. Zumindest hatte er sich nichts gebrochen, und das
war die Hauptsache. Nun musste er nur noch seine Aufgabe erledigen,
doch die war nicht gerade leicht. Sein Blick wanderte über die weiße
Fassade des hübschen Einfamilienhauses, das mit seinen hölzernen
Fensterläden und der bunten Beleuchtung in dem tief verschneiten,
großzügigen Garten fast wie eines dieser Kerzenhäuser aus den
Weihnachtsboutiquen wirkte. Sorgfältig musterte der Weihnachtsmann
die hell erleuchteten Landhausfenster der ersten Etage, bis sein
Blick an einem Fenster hängenblieb, das mit lauter
Weihnachtsmalereien geschmückt war. Auf der Fensterbank saß ein Bär,
der lässig eine Weihnachtsmütze über seinem rechten Ohr trug und in
den Garten hinab sah. Die schwarzen Knopfaugen schienen ihn
vorwurfsvoll anzustarren, und der Weihnachtsmann hätte schwören
können, dass der Bär mitleidig sein Stoffhaupt schüttelte. Der
Weihnachtsmann schnaubte. Wer interessierte sich schon für die
Meinung eines altklugen Stoffbären? Zumindest wußte er nun, wo er
hin musste. Mit einem Seufzen langte er nach seinem schweren Sack und
erstarrte. Soweit er sich erinnern konnte, bestand dieser aus
stabilem, von Elfenhand gewebtem Sackleinen, nicht jedoch aus
struppigem Fell. Auch hatte er keine elfenbeinfarbenen Reißzähne
gehabt. Erschrocken riß er die Hand zurück.