Weihnachten feiern
 
 deutsche Weihnachtslieder
 
 Weihnachtsgeschichten und Gedichte
  Nikolausgeschichten & Gedichte
  Geschichten für Kinder
  Geschichten für Erwachsene
  Geschichten zum Nachdenken
  Kleine Weihnachtsgeschichten
  historische Geschichten
  Weihnachtsgedichte  
 
Weihnachten Ausmalbilder & Basteln mit Kinder  
 
Weihnachtsbäckerei 
 
Weihnachtsseiten
SiteMap
Weihnachtsgeschichte für Jugendliche und Erwachsene

Ein Weihnachtsgeschenk auf Wanderschaft

von Octavia Bender

  

WeihnachtsgeschenkTante Emma war allseits beliebt. Im gesegneten Alter von 91 Jahren erfreute sie sich mit ihren rosigen Pausbäckchen und voller weißer Haarpracht blühender Gesundheit. Sie lebte in ihrem eigenen Haus, umsorgt von ihren Lieben und hatte im Grunde alles, was ein Mensch braucht. Daher bewegte all ihre zahlreichen Angehörigen und Freunde auch in diesem Jahr wieder die Frage: „Was schenken wir Tante Emma bloß zu Weihnachten?“

  Auch so die Nichte Amanda mit ihrem Ehegatten und zwei Kindern. Nachdem Parfümfläschchen, Badesalz, eine Figur für den ohnehin schon überfüllten Nippes-Kasten, das gerahmte Familienfoto, ein Buch in Großschrift und Wolle zum Stricken in Erwägung gezogen worden waren, machte Lieblingsgroßneffe Bastian einen Vorschlag: „Ihr wisst doch, sie liebt Katzenzungen. Warum schenken wir ihr nicht einen großen Karton?“ Seine Eltern schüttelten unschlüssig die Köpfe: „Das wäre ein bisschen zu wenig!“

  „Andy kann ja noch einen Blumenstrauß mitbringen“, Bastian deutete auf seinen kleinen Bruder, „und in die Katzenzungen legen wir ihr etwas Geld.“ Er grinste verschmitzt: „Tante Emma spart doch auf ihre alljährliche Seereise!“

  Mit ‚Seereise’ war die Rundfahrt auf dem Maschsee gemeint, zu dem Tante Emma jeden Sommer ihre Freunde und Bekannten einlud.

  „Die Idee ist nicht schlecht!“ musste Amanda zugeben, und auch ihr Ehegatte nickte zustimmend mit dem Kopf. Die Entscheidung war gefallen.

  Ein großer Karton Katzenzungen wurde besorgt; Bastian übernahm die Aufgabe des Verpackens mit großer Hingabe. Er schob vorsichtig die Plastikhülle zurück und öffnete den Kasten einen Spalt breit. Köstlicher Schokoladengeruch kam ihm entgegen.

  Dann ließ er den glatten, nagelneuen Fünfzigmarkschein zwischen Kartondeckel und das samtige dicke Schutzpapier gleiten. Grinsend schob er die Plastikhülle zurück an ihren Platz. „Na, die wird Augen machen, wenn’s ans Naschen geht“, murmelte er vergnügt in sich hinein. Stolz drehte und wendete er den Karton. Man konnte ihm die inhaltliche Bereicherung tatsächlich nicht ansehen! Bastian nahm sich das bereitgelegte Weihnachtspapier mit den harfespielenden Englein, schnitt es sorgsam zurecht und legte es so ordentliche er konnte um den Karton. Er knickte die Seiten um, bildete ein Dreieck und verschloss das ganze – mehr oder minder glatt – mit Klebeband. Nun noch eine schöne kringelige Schleife – fertig.

 

  Tante Emma erhielt Andys Blumenstrauß und Bastians liebvoll verpackte Katzenzungen bereits eine Woche vor Weihnachten. Bei der großen Familie war es ratsam, die jeweiligen Bescherungen auf verschiedene Tage zu verlegen, um sich nicht ins Gehege zu kommen. Sie bedankte sich hocherfreut, nahm ihre beiden Großneffen mit einem „Hmmm, wie lecker!“ in die Arme und legte das Päckchen unter den geschmückten winzigen Weihnachtsbaum; der Blumenstrauß fand einen Ehrenplatz auf der festlich geschmückten Kaffeetafel.

  Nach Amandas Besuch zog Tante Emma Bilanz. Unter ihrem Weihnachtsbaum lagen bereits zwei Vasen, ein handbemaltes Schälchen, ein selbstgestrickter Schal von Urenkelin Jasmin, ein Fläschchen Kräuterlikör und eine ganze Sammlung von Pralinenschachteln.

  Was hatte Doktor Hansen gerade wieder gepredigt? Süßigkeiten reduzieren! Nicht so viel Fettes, kein Alkohol! Oje, oje...

  Seufzend sortierte Tante Emma ein paar Sachen aus: Die Trüffel würde sie Bodo, dem Postboten, mitgeben; der tat ihr so oft einen Gefallen. Über die Schachtel Weinbrandbohnen würde sich bestimmt Benni freuen, der Vierzehnjährige, der ihr im Sommer den Rasen mähte und im Winter Holz und Kohlen aus dem Keller holte. Na, und die herrlichen Katzenzungen, die könnte sie Liesbeth schenken. Das kleine Mädchen verbrachte manchmal Zeit mit ihr, wenn ihre alleinstehende Mutter zu einer Kundin musste. Diese nähte und bügelte nämlich für alle möglichen Leute, um sich und Liesbeth und – nicht zu vergessen – den wohlerzogenen Miniaturvierbeiner  Toby durchs Leben zu bringen. Doch, dachte Tante Emma, das könnte ihr wirklich keiner übel nehmen, außerdem sollte es ja auch keiner erfahren.

  Sie nahm sich eine Schere und eine Rolle des knallgrünen Weihnachtspapiers, das mit bunten Tannenbäumen bedruckt war. Zuerst verpackte sie die Trüffel, dann die Weinbrandbohnen und zuletzt die Katzenzungen. Sorgfältig legte sie die „Männersachen“ links neben den Fernseher und Liesbeths Geschenk auf die rechte Seite.

  Als Bodo am Mittwochmorgen an der Haustür klingelte, um ein letztes Päckchen vor dem Fest abzugeben, eilte Tante Emma zum Fernseher, griff nach den weihnachtlich eingepackten Trüffeln, murmelte „Verzeih’ mir, liebste Martha“ und überreichte dem Postboten freudestrahlend ihre kleine Aufmerksamkeit. Der zog dankbar von dannen, nicht ohne überschwänglich frohe Festtage zu wünschen.

  Kurz darauf klingelte es wieder. Liesbeth mit Toby im Schlepptau und einer etwas verlagen dreinschauenden Mama standen vor der Tür.  

  „Sie hat darauf bestanden“, erklärte die junge Frau und schubste Liesbeth sachte von hinten, „nun bist du dran!“

  Das kleine Mädchen sagte stolz sein Weihnachtsgedicht auf. Mit ihren glänzenden Augen und den roten Wangen glich sie dem Abbild eines Engels. Zum Schluss überreichte sie einen selbstgepflückten Strauß Schneeglöckchen. „Die wachsen schon, weil ich sie ins Haus geholt habe“, erklärte sie strahlend.

  Im gleichen Moment stürmte Benni die Treppe herauf. Auch er schien bereits in Festtagsstimmung. Er schnappte sich den Kohleneimer, sauste die Treppe hinunter und war im Nu wieder zurück. Dann nahm er den Weidenkorb für Holz mit hinunter.

  Tante Emma bedankte sich bei Liesbeth und ging in die Stube, um die Schachtel für das kleine Mädchen zu holen. Sie hörte Benni die Treppe heraufkommen und nahm gleich beide Päckchen in die Hand. So sparte sie einen Weg. Liesbeth bedankte sich artig mit einem Knicks, dann nahm ihre Mutter sie an die Hand. Mit einem „fröhliche Weihnachten“ und einem „Wuff“ von Toby verließen sie das Haus.

  Benni kratzte sich ein wenig verlegen am Kopf, als Tante Emma ihm sein Päckchen übergab und eine blanke Münze in die Hand drückte. Dann bedankte er sich, wünschte ein schönes Fest und zog von dannen.

  Zufrieden mit sich und der Welt ließ sich Tante Emma in ihren Ohrensessel nieder. Sie musste sich erst einmal von dem Trubel ausruhen.

 

  Zuhause angekommen steckte Benni die Münze in sein Sparschwein. Die Schachtel befühlte er vorsichtig. Eigentlich durfte er sie erst am heiligen Abend öffnen – so wollte es seine Mutter. Alle Geschenke wurden unter dem Christbaum gesammelt. Doch die Neugier siegte. Benni besah sich das Päckchen. Es war nicht zugeklebt, sondern die Laschen waren seitlich in die weihnachtspapierene Hülle geschoben worden. Es war ganz leicht, die Lasche herauszuziehen. Durch den Schlitz späte er ins Innere. Nein! Er hielt das Ganze ins Licht. Tatsächlich! In goldenen verschnörkelten Lettern stand da auf dem schmalen Rand:

„Katzenzungen – aus zarter Vollmilchschokolade

  Benni verzog das Gesicht. So was ist vielleicht etwas für kleine Kinder, dachte er und schüttelte den Kopf. Vorsichtig faltete er die Laschen wieder zusammen und steckte sie wieder zurück in den Schlitz. Dann ging er in die Küche, stellte das Weihnachtspäckchen auf den Küchenschrank, damit seine Mutter es unter den Weihnachtsbaum legen konnte.

 

  Herr Schmedes – Bennis Vater – kam frisch rasiert in seinem guten Anzug aus dem Bad. „Gisela“, rief er die Treppe hinauf, „bist du fertig? Ich möchte zu Winkelmanns Empfang nicht zu spät kommen. Du weißt, mein Chef nimmt Pünktlichkeit äußerst wichtig!“

  Ich komme schon, Liebling!“ flötete die Dame des Hauses vom Treppenabsatz herunter. „Ich muss nur noch meine Haare richten!“

  „Oh nein“, murmelte Herr Schmedes. Er verdrehte die Augen und grinste Benni an, der gerade aus der Küche kam. „Das kann dauern“, flüsterte er. Benni lachte und lief nach oben.

  „Liebling“, tönte es wieder, „hol doch schon mal den Blumenstrauß und die Pralinen! – Liegt beides in der Küche! – Ich bin gleich unten.“

  Mit dem in Cellophan eingepackten Blumenstrauß in der Hand und der Pralinenschachtel unter dem Arm wartete Bennis Vater, bis seine Frau in ihrem einzigen Pelzmantel die Treppe heruntergeschwebt kam. Toll sah sie aus! Und er war wieder einmal stolz, seine hübsche frau bei einem Geschäftsempfang vorstellen zu dürfen.

  „Wir sind gegen acht wieder zurück, Benni-Liebling!“ rief Mutter Schmedes noch zu ihrem Sohn hinauf, dann schlug die Haustür zu.

 

  Sie standen bereits auf der Treppe zu Winkelmanns Haus, als Gisela die grüne Verpackung mit den bunten Tannenbäumchen auffiel.

  „Hat dir mein Weihnachtspapier nicht gefallen?“ fragte sie etwas verstimmt, doch in diesem Moment öffnete sich die schwere Eichenholztür. Die Gastgeberin selbst erschien auf der Schwelle.

  „Was für wundervolle Blumen!“ Frau Winkelmann betrachtete begeistert den Strauß von allen Seiten. „Wie freundlich von Ihnen! Vielen Dank! – Bitte, legen Sie doch ab!“ Dann deutete sie mit der Hand in Richtung Salon. „Frau Schmedes, Herr Schmedes, darf ich bitten?“ Sie ging zur Tür mit, dann entschuldigte sie sich. „Mein Mann wird Ihnen einen Drink machen. Ich stelle derweil die schönen Blumen ins Wasser.“

  Den Strauß in der einen Hand, die Weihnachtlich eingepackte Schachtel in der anderen, schob sie sich durch die Küchentür. Sie arrangierte den Strauß in einem Krug und riss das Papier von dem Karton. Unwillkürlich stutzte sie. Katzenzungen? Als Gastgebergeschenk für den Chef? Merkwürdig!

  Ein vergnügliches Kichern überkam sie. Ob Frau Schmedes tatsächlich davon wusste? Hatte ihr Ehemann vielleicht die Schachtel besorgt? Oder war da jemandem eine Verwechslung unterlaufen?

  Vorsichtshalber verbannte sie den Karton Katzenzungen in den Küchenschrank. Sie war sich sicher, dass es Frau Schmedes peinlich wäre, wenn sie diesen Irrtum je erfahren würde. Man musste ja nicht alles verraten!

 

  Der Tag vor dem Heiligen Abend war gekommen. Der Empfang für die Angestellten ihres Mannes war gut verlaufen. Frau Winkelmann bereitete sich auf ihren persönlichen Heiligabend mit seiner Bescherung vor, als es an der Haustür klingelte.

  Verwundert sah sie auf. Wer zum... ach, ja, ihr Kleid für heute Abend... der Saum hatte sich etwas gelöst... wahrscheinlich war es Frau... ach, wie heißt sie doch gleich? Na, eben die junge Frau mit dem netten kleinen Mädchen und dem Hund...

  Als sie die Tür öffnete, stand nicht die junge Frau Soundso, sondern das nette kleine Mädchen vor der Tür. An ihrer Seite saß aufrecht und still der Hund.

  „Guten Tag, Frau Winkelmann“, grüßte Liesbeth. „Die Mutti lässt sich entschuldigen. Sie hat so viel zu tun. Hier ist Ihr Kleid!“ Vorsichtig hob sie der Dame das sorgfältig verpackte Paket entgegen. „Es ist bestimmt nicht zerknittert, Mutti hat es gut verpackt, und ich habe es nicht gedrückt!“

  „Hm, ja, also...“, Frau Winkelmann betrachtete verwirrt die Kleine, dann riss sie sich zusammen. „Vielen Dank, kleines Fräulein, ich bin sicher, dass du das Kleid perfekt abgeliefert hast!“ Sie wollte sich schon wegdrehen, da fiel ihr etwas ein. „Warte einen Moment! Ich hätte da noch etwas... Wie heißt du eigentlich?“

  „Ich bin die Elisabeth und das ist Toby, aber alle sagen Liesbeth zu mir“, Elisabeth strahlte. „Dürfen Sie auch, wenn sie wollen“, kam es etwas zögernd hinterher.

  „Gerne, Liesbeth“, lächelte Frau Winkelmann, „wartest du einen Moment?“ Schnell verschwand sie in der Küche und kam mit der Schachtel Katzenzungen zurück. „Hier, das ist für dich! Du magst doch Schokolade?“

  „Hm, gerne“, Liesbeths Augen glitzerten. „Dankeschön!“ Sie drehte sich um, tapste die Stufen hinunter, gefolgt von einem flinken Toby. Unten drehte sie sich noch einmal um. „Frohes Weihnachtsfest, Frau Winkelmann!“ Damit sauste sie nachhause.

 

  „Mutti, guck mal, was ich bekommen habe“, lachend hielt Elisabeth den Karton mit den Katzenzungen in die Höhe. Der Schokoladen verschmierte Mund zeigte, dass sie bereits genascht hatte. „Und das hier war auch dabei!“ Sie reichte ihrer Mutter den Fünfzigmarkschein.

  „Das war auch dabei? Für das bisschen Saumnähen kann ich höchstens 20,-DM nehmen!“

  „Naja“, meinte Liesbeth nachdenklich, „sie hatte es ja auch im Karton versteckt.“

  „Im Karton?“ Die Phantasie ihrer kleinen Tochter ging wohl wieder einmal mit ihr durch!

  „Aber behalten können wir es doch, oder Mutti?“ fragte Liesbeth etwas ängstlich.

  „Natürlich können wir es behalten, Schäfchen!“ Die Winkelmanns hatten genug Geld!

  „Und, Mutti, gebrauchen können wir es doch auch ganz gut, nicht wahr?“

  „Ja, mein Schatz“, nachdenklich sah die Mama ihre kleine Tochter an. „Gebrauchen können wir es sehr gut!“

 


Wir hoffen, dass dir diese schöne Weihnachtsgeschichte für Jugendliche und Erwachsene gefallen hat.
Weitere Weihnachtsgeschichten von Octavia Bender:
Der krumme Kasimir
Felix kann's nicht lassen
Auf Santa ist Verlass
Weihnachten im Doppelpack
Eine Leih-Oma zum Fest
Weihnachtsmann auf falschen Sohlen
Schutzengel für Toby

Kontakt
Link zu uns
Home