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warmherzige Weihnachtsgeschichte für Jugendliche und Erwachsene

Felix kann's nicht lassen

von Octavia Bender

  

Hund„Oh, nein!“ Entsetzt starrte Wilhelmine Petersen in das leere Körbchen auf dem Gepäckträger ihres Fahrrades. Nur das Hundehalsband lag auf dem bunten Kissen, aber kein Felix.

  „Lümmel!“ entfuhr es ihr. Verstohlen sah sie sich um. Eine alte Frau, die mit ihrem Hund spricht, mag schon merkwürdig genug sein! Aber eine alte Frau, die einfach in die Luft schimpft, die würde man sicher für verrückt halten. Zum Glück war niemand da.

  Ihren selbstbewussten Vierbeiner hatte wieder einmal das Fernweh gepackt. Immerhin fand der kleine, schwarze, strubbelige Wirbelwind jedes Mal wieder mit untrüglichem Instinkt und überschwänglicher Wiedersehensfreude zu seinem Frauchen zurück. So etwas wie ein schlechtes Gewissen kannte er nicht.

  Wilhelmine Petersen drehte ihr Fahrrad um und machte sich auf den Weg zu der gepflegten Wohnsiedlung mit den parkähnlichen Gärten, aus deren Richtung Felix schon mehrmals wieder aufgetaucht war.

  Er weiß eben, wo es sich gut leben lässt, dachte sie. In Gedanken sah sie ihre winzige gemietete Etagenwohnung vor sich.

  Sie hatte sich heute Morgen – am Heiligtag – früh auf den Weg gemacht, um Felix ordentlich austoben zu lassen. Es war ein sonniger, für Dezember erstaunlich milder Tag.

  Später wollte Wilhelmine Petersen in aller Ruhe die Tannenzweige mit Strohsternen  und echten Bienenwachskerzen schmücken und einen geruhsamen Heiligabend mit ihrem kleinen vierbeinigen Freund verbringen. ‚Geruhsam’ hörte sich etwas besser als ‚einsam’ an.

  Und nun war Felix ausgerissen! Die meisten Menschen waren zu dieser Zeit mit Einkaufen beschäftigt und mit letzten Vorbereitungen für das Fest. Sie fand niemanden, den sie nach ihrem Hund hätte fragen können.

  „Felix!“ rief sie mit gedämpfter Stimme. „Felix, wo bist du?“

  Sie durchstreifte die Gegend, bis sie zu einem langen, naturbelassenen Holzzaun kam. Mannshohe Rhododendren  versperrten die Sicht in das Grundstück, aber weiter hinten erkannte Wilhelmine Petersen ein gewaltiges, weißes Haus mit zwei kleinen Türmchen. Sie hörte ein Rascheln unter den Büschen.

  „Felix!“ rief sie noch einmal. „Felix, komm her, wenn du da drin bist!“ Es raschelte wieder. Sie lief am Zaun entlang, bis sie zu einem schmalen Gartentörchen kam.

  Ein kleines, schwarzes Wollknäuel schoss freudig bellend durch ein liebevoll geharktes Blumenbeet geradewegs zum Tor. Zwar war es dem Kalender nach Winter, doch die milde Witterung hatte die Natur ein wenig durcheinander gebracht. Winzige lila Astern standen noch in voller Blüte, und auch ein paar gelbe Stiefmütterchen reckten keck ihre Gesichter der milchigen Sonne entgegen. Eine Blüte baumelte hilflos an ihrem abgeknickten Stängel.

  „Oh, nein, Felix! Wie konntest du bloß...?“ seufzte Frau Petersen, die Hand vor ihrem Mund.

  Felix sprang übermütig am Gatter hoch, als wolle er sagen: nun mach schon endlich auf! Aber erst den Garten verwüsten und dann einfach davonstehlen, nein, das war nichts für Wilhelmine Petersen!

  Zaghaft wollte sie auf die Klingel drücken, als ein großgewachsener, älterer Herr auf sie zukam.

  „Entschuldigen Sie, bitte“, rief sie ihm schon von weitem entgegen, „es tut mir so leid!“ Kopfschüttelnd deutete sie auf ihren Hund. „Felix, der Schlawiner! Er ist mir aus dem Halsband geschlüpft!“

  Der Mann betrachtete Frau Petersen eine Weile mit Interesse, sah kurz zu den Hundepfoten im frisch geharkten Beet hinüber und bückte sich dann zu Felix hinunter. Der saß still da, den Kopf leicht zur Seite geneigt, so dass sein rechtes Ohr abknickte und ihm einen verwegenen Ausdruck verlieh. Mit glänzenden Augen hörte er dem Mann aufmerksam zu.

  „Soso, Felix heißt du also“, stellte er fest. „Normalerweise läuft er nicht durch meine Beete, sondern ordentlich drum herum.“ Charmant lächelte er die schmale, silberhaarige Gestalt an, die verblüfft zu ihm aufblickte.

  „Normalerweise?“ fragte Frau Petersen entsetzt.

  „Nun, ab und zu besucht Felix uns“, erklärte der Mann. „Meine Bea und mich!“

  „Bea?“ Wilhelmine Petersen war sichtlich verwirrt. Ihr war, als könne sie keinen vernünftigen Gedanken fassen, geschweige ein vernünftiges Gespräch führen.

  „Nun, Bea – oder genauer Beatrice von Weitershausen – ist meine Cockerspanielhündin“, erklärte er. „Und gestatten Sie, dass ich mich vorstelle? Budde ist mein Name!“

  Frau Petersen zögerte etwas, doch dann ergriff sie die Hand, die sich ihr entgegenstreckte. Dieser Mann war äußerst sympathisch!

  „Angenehm!“ sie schüttelte die Hand herzhaft. „Ich heiße Petersen.“

  Sie lächelten einander an und schwiegen.

  Komisch, schoss es Wilhelmine Petersen durch den Kopf, es kann doch wohl nicht angehen, dass ich auf meine alten Tage so etwas wie Herzklopfen spüre, nur weil ein netter Mann mir die Hand gibt. „Ein wunderbarer Wintertag für einen langen Spaziergang, nicht wahr?“ begann sie schnell ein Gespräch. „Wollen Sie nicht vielleicht mitkommen – mit ihrer Bea?“

  „Das kann ich leider nicht“, bedauerte Herr Budde. „Bea ist sehr beschäftigt!“

   „Oh“, enttäuscht dachte Frau Petersen, dass Felix niemals zu beschäftigt sein könnte. „Nun, dann will ich sie von meinem kleinen Racker mal wieder befreien“, schlug sie vor. „Entschuldigen sie nochmals, dass er ihr Beet so verwüstet hat.“

  „Wie wär’s, Sie könnten mir ja beim Beheben des Schadens helfen“, entgegnete Herr Budde, „und anschließend mache ich uns einen schönen Kaffee.“ Aus irgendeinem Grund wollte er diese Frau noch nicht gehen lassen. Zumindest  nicht, bevor er wusste, wo er sie wiederfinden könnte. Und er mochte nicht plump fragen: wo wohnen Sie denn?

  „Abgemacht“, meinte sie, „ein Kaffee hört sich köstlich an!“

  Herr Budde öffnete das Gartentor. Verschmitzt lächelnd  verbeugte er sich und bot ihr den Arm an.

  „Wie charmant!“ Wilhelmine Petersen nickte kurz mit dem Kopf, dann nahm sie würdevoll den Arm und begleitete den fremden Herrn zu seiner Terrasse.

  „Vielleicht zuerst den Kaffe?“ schlug Herr Budde schmunzelnd vor.

  „Warum nicht!“ Wilhelmine Petersen nickte ernsthaft. „Nach der anstrengenden Suche...“

  sie guckten sich eine Weile an, dann lachten sie beide.

  „Felix scheint sich hier sehr wohl zu fühlen“, stellte Frau Petersen etwas später fest, als sie mit einem köstlich duftenden Kaffee in der Hand hinter dem Terrassenfenster Platz genommen hatte. Sie betrachtete ihren kleinen wuscheligen Liebling, der mit ein paar Rhododendron-Blättern versehen, auf dem Teppich eine Kaustange zerlegte.

  „Doch, ihm gefällt es hier“, bestätigte Herr Budde. „Ein Hund ist eine ungemeine Bereicherung, wenn man alleine lebt, stimmt’s?“

  „Hm“, Frau Petersen nickte. „Meine Kinder haben mir Felix geschenkt, als vor vier Jahren mein Mann starb.“

  „Ich habe keine Familie – leider“, verriet Herr Budde.

  Was war es, das ihr an diesem Mann so gefiel? Er strahlte zwar Autorität, aber auch Gerechtigkeitssinn und Verständnis  aus. Auf einmal fiel ihr wieder seine Hündin ein.

  „Wo ist denn nun ihre Bea?“ wollte Frau Petersen wissen. „Also, zu beschäftigt kann ein Hund doch eigentlich gar nicht sein, um spazieren zu gehen – oder zumindest den Garten zu erkunden!“

  „Grundsätzlich haben Sie da recht“, erwiderte Herr Budde zögernd. „Nur, nachdem Ihr Felix meine Bea mehrfach – und auch für längere Zeit – besucht hat...“

  „Also sind Sie uns doch böse!“ entfuhr es Frau Petersen.

 „Nein, nein, das ist es nicht!“ Herr Budde hob beschwichtigend die Hände.

  Wilhelmine Petersen schwieg nachdenklich; dann meinte sie: „Das verstehe ich nicht!“

  „Nun, dann wollen wir das Geheimnis einmal lüften“, erwiderte Herr Budde seufzend. „Kommen Sie mit in den Garten hinaus, aber... bitte bleiben Sie ein Weilchen auf der Terrasse sitzen. Ich möchte Sie nicht zu sehr erschrecken!“

  Fürsorglich legte er ihr ihren Mantel um die Schultern und bot ihr Platz in einem der Gartenstühle an. Dann ging er um die Terrasse herum und öffnete sachte eine Außentür. Freudiges Gequieke klang aus dem Raum. Ein quicklebendiger Cockerspaniel mit glänzendem, goldbraunem Fell sprang an seinem Herrn hoch, sauste zu Felix hinüber, flitzte aufgeregt zurück und verschwand für einen Moment hinter der Tür.

  Herr Budde schob ein schweres Holzbrett vom Eingang weg. Sofort purzelten vier kleine, schwarze Wollknäuel in den Garten hinaus. Bea umtanzte sie eifrig, leckte hier ein Schnäuzchen, stupste dort ein Hinterteil und war ganz stolze Mutter.

  Felix saß wie angewurzelt an seinem Platz und betrachtete das Geschehen mit einer gewissen Würde von oben herab.

  Wilhelmine Petersen wollte ihren Augen nicht trauen, als Bea ihr die vier kleinen, wuscheligen Gesellen vorstellte. Einer sah aus wie der andere. Alle sahen genauso aus wie der Vater – und der war eindeutig Felix!

  Vor lauter Staunen hatte Frau Petersen nicht bemerkt, wie Herr Budde im Haus verschwunden war. Jetzt stand er mit einer Sherryflasche und zwei Gläsern neben ihr.

  „Na, wie wär’s?“ fragte er, die Flasche hochhaltend.

  Frau Petersen schluckte, dann nickte sie zustimmend.

  Herr Budde goss die Gläser voll und reichte der etwas blassen Frau Petersen eines.

  „Auf unseren Nachwuchs!“ Er hob das Glas hoch. „Und wenn Sie erlauben – mein Name ist Max.“

  Frau Petersen schüttelte resigniert den Kopf, dann lächelte sie ihn an. „Gerne, ich heiße Wilhelmine.“

  Sie wusste, Weihnachten würde garantiert nicht ‚einsam’ werden.

 Wir hoffen, dass dir diese schöne Weihnachtsgeschichte für Jugendliche und Erwachsene gefallen hat.
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