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bewegende Weihnachtsgeschichte für Jugendliche und Erwachsene

Eine Leih-Oma zum Fest

von Octavia Bender

  

Leih-Oma zu sein ist gar nicht so einfach! Eine Leih-Oma muss in etwa dieLeihoma Geschichte gleichen Qualitäten besitzen wie ein Schutzengel. Sie muss lieb und nett sein, Argusaugen haben, jeden Spaß mitmachen, rettend eingreifen und trösten, manchmal auch kuscheln - je nach Bedarf.

    Der Leih-Oma-Service von Tuntenhausen wusste sehr wohl um diese Voraussetzungen und erfreute sich allgemeiner Beliebtheit. Jedes Mitglied hatte oft genug seine Qualitäten bewiesen.

    Marie-Theres Waldauer war eines der fähigsten Mitglieder. Sie lebte seit einigen Jahren allein und war somit für Einsätze der besonderen Art durchaus geeignet. Das war auch der Grund dafür, dass man ihr den kleinen Marcel anvertraute, nachdem er mit seiner Mutter in einen Autounfall verwickelt worden war. Marcel hatte großes Glück gehabt. Das Auto wurde vollkommen zerstört. Er war verängstigt und verwirrt, so dass er kaum ein Wort herausbrachte, aber körperlich hatte er außer ein paar blauen Flecken nichts weiter abbekommen. Seine Mutter dagegen war nicht ansprechbar – und es war nicht abzusehen, wann sich dieser Zustand ändern würde. Die Nachforschungen über die Identität der beiden Verletzten liefen, doch zurzeit war ihre ärztliche Versorgung wichtiger.

    Der Junge brauchte nicht im Krankenhaus zu bleiben – man wollte ihn sogar gerne wieder loswerden, da gebrochene Knöchel und verzerrte Sehnen der Ski-Touristen die Kapazität des kleinen Krankenhauses bereits überstrapazierten. Man hatte sich jedoch gegen einen Heimaufenthalt entschieden, da man darauf hoffte, bald Angehörige zu finden. Außerdem brauchte der etwa Siebenjährige viel Aufmerksamkeit und Zuneigung, um seinen Schock zu überwinden. In seiner Not hatte das Krankenhaus sich an den Leih-Oma-Service gewandt und war auf Marie-Theres gestoßen.

    Die saß nun neben dem Sofa, auf dem sie ein Bett für Marcel hergerichtet hatte. Ein dickes Buch lag auf ihrem Schoß, aus dem sie zeitweise vorlas. Daneben lag ihr Strickzeug für die Zeit, in der Marcel schlief. Doch die Erfahrung der letzten vier Tage hatte sie gelehrt, dass Marcel jeden Moment aufwachen konnte, um nach seiner Mami zu rufen. Oder um einfach in Tränen auszubrechen, ohne erklären zu können, was ihn so erschreckt hatte. Natürlich würde ein Kind so kurz nach einem Unfall Alpträume haben, sagte Marie-Theres sich immer wieder. Und sie musste auch zugeben, dass Marcels Zustand sich rapide verbesserte. Sorgen machten ihr vor allem die scheinbaren Gedächtnislücken. Doch die Ärzte hatten ihr versichert, dass der kleine Junge sich nach seinem Schock erst langsam in die Wirklichkeit  zurücktasten musste.

    Manchmal, wenn Marie-Theres an Marcels provisorischen Bett wachte, überkamen sie ungebetene Gedanken. Etwas an der Art, wie Marcel erwachte, wie er jedes Mal wieder verwirrt mit großen dunkelbraunen Augen um sich guckte, und dann beruhigt mit einem erkennenden Lächeln auf den Lippen an ihrem Gesicht hängen blieb, erinnerte sie an Sofie – ihre Tochter. Sofie musste jetzt ein  Kind etwa in demselben Alter wie Marcel haben...

    Marie-Theres seufzte. Sie wusste nicht einmal, ob es ein junge oder ein Mädchen war – ihr Großkind. Schon oft hatte sie sich Vorwürfe gemacht, wie sie so stur auf der Heirat hatte bestehen können. Sofie war doch selbst noch fast ein Kind gewesen – mal gerade 18 Jahre alt – als sie ihr gestand, dass sie schwanger sei.

    Marie-Theres war überfordert gewesen. Sie hatte gerade ihren Mann verloren, der immer alles entschieden und geregelt hatte. Sie kämpfte damit, die Lücke zu schließen, die ihr Mann hinterlassen hatte, und damit, für sich und ihre Tochter ein Zuhause zu schaffen, dass auch ohne den Vater ein Heim sein sollte. Doch als sie dann vor dem ersten größeren Problem stand – nämlich vor der Schwangerschaft ihrer Tochter – da hatte sie alles falsch gemacht. Sie hatte darauf bestanden, dass Sofie den Vater heiratete. Doch Sofie hatte ihren eigenen Weg gewählt, sie war gegangen. Marie-Theres wurde klar, dass sie sich diesen Verlust selber zuzuschreiben hatte. Aber Sofie hatte ihr keine Chance gegeben, ihr eine geänderte Meinung einzugestehen. Sie war wie vom Erdboden verschwunden.

    Mit ihrer Aufgabe als Leih-Oma versuchte Marie-Theres ein kleines bisschen von dem wieder gutzumachen, was sie falsch gemacht hatte.

    Marcel rührte sich, sein kleines blasses Gesicht verzog sich weinerlich, doch dann drehte er sich nur auf die andere Seite und schlief wieder ein.

    Zufrieden lächelte Marie-Theres. Es wurde eindeutig besser mit ihrem Pflegling. Fast wünschte sie sich, man würde seine Verwandtschaft nie auftreiben, sie hatte ihn liebgewonnen und würde ihn gerne noch etwas bei sich haben. Die Ärzte sagten, dass auch der Zustand der Mutter sich stabilisiere, dass es aber für einen Besuch noch zu früh sei und dass es in Ordnung wäre, wenn Marcel noch eine Weile bei ihr bliebe. Manchmal hatte Marie-Theres den Eindruck, dass die Ärzte es sich allzu leicht machten.

    Nur wenige Tage später merkte sie, was für ein aufgewecktes Kerlchen Marcel in Wirklichkeit war. Er war mit dem Vorlesen längst nicht mehr zufrieden zu stellen. Er wollte nach draußen, sich die Berge ansehen, im Schnee toben. Ein Besuch im Zoo beschäftigte ihn für einige Stunden. Marie-Theres konnte ihm zu den einzelnen Tieren kaum folgen, so wirbelte er von Gehege zu Gehege. Bei der Streichelwiese blieben sie eine ganze Weile. Die Ponys hatten es Marcel angetan. Er kraulte und streichelte sie, redete mit ihnen und wollte sich gar nicht von ihnen trennen.

    In Gedanken versunken beobachtete Marie-Theres den Jungen und plötzlich sah sie Sofie in ihm, als sie sieben Jahre alt war. Sie liebte auch die Ponys am meisten. Auf dieser Wiese hatte Sofie Stunden ihres Lebens verbracht. Stunden? Wenn man es zusammenzählte, mussten es Tage, ja Wochen gewesen sein! Bis die Eltern ihr ein eigenes Pony geschenkt hatten. Blacky – das kleine Shetlandpony, dem sie bald über den Kopf wuchs, es aber niemals hergeben wollte. Blacky gab es noch. Er war weit über zwanzig, aber als Gesellschafter für Bauer Hubers nervöse Traberstute war Blacky genau das richtige. Morgen würde sie mit Marcel zu Hubers gehen und ihm Blacky zeigen.

 
   
Am Abend setzte Marcel sich an den großen Küchentisch und malte. Er zeichnete alle möglichen Tiere, die er im Zoo gesehen hatte, und Marie-Theres bemühte sich, alle richtig zu erraten. Ganz zum Schluss setzte er ein Zeichen unter das Blatt Papier. Es sah aus wie eine Zickzacklinie.

     „Das kann ich jetzt aber nicht deuten!“ Marie-Theres sah Marcel fragend an. „Was soll das denn sein?“

    „Na, wenn man etwas gemalt hat“, erklärte Marcel, „dann muss man doch seine Anfangsbuchstaben darunter setzen, damit jeder weiß, wer’s gemalt hat.“

  „Ach so, die Initialien meinst du“, lächelte Marie-Theres über die Wichtigkeit dieser Regel, dann merkte sie auf einmal das flaue Gefühl in ihrer Magengegend beim Anblick der Zackenlinie. Der Junge hatte doch nicht einmal seinen ganzen Namen gewusst, als er zu ihr kam... Sie schluckte, leckte sich über die plötzlich trockenen Lippen und fragte: „Was heißt das denn? Diese Zacken stehen doch sicher für ‚Marcel’, nicht wahr?“

    „Ja, genau“, erklärte der Junge wichtig. „’M’ für Marcel, und ‚W’ für Waldauer – und damit es etwas Besonderes ist, was sonst keiner hat, schreibe ich es so eng aneinander, das...“

    Waldauer!!!

    „Du weißt deinen ganzen Namen?“ fragte Marie-Theres erstaunt.

    Marcel guckte sie groß an. Dann nickte er.

    „Aber wieso hast du es mir nicht gesagt?“

    Etwas verwirrt meinte er: „Du hast mich doch nicht gefragt, oder? Ich wusste nicht, dass ich...“

    Marie-Theres hörte die Worte nicht mehr. Ihr war schwindelig und flau und einfach merkwürdig, so als schwebe sie auf einer Wolke davon. Marcel Waldauer! Marcel Waldauer, hallte es in ihrem Kopf. Das konnte doch nicht sein! Dieser kleine Junge, der so verstört zu ihr gekommen war, Vertrauen gefasst hatte und sich zu einem aufgeweckten, munteren Burschen verwandelte, hieß Waldauer! Seine Mutter, die im Krankenhaus lag, musste Sofie sein! Zumindest könnte es Sofie sein, versuchte sie sich zu bremsen. Mit zittrigen Fingern griff sie zum Telefon, drückte die Nummer des Krankenhauses und fragte auf der Station nach, wie es Marcels Mutter gehe. Sie wurde mit dem Stationsarzt weiter verbunden und wiederholte ihre Frage. Ja, Marcels Mutter sei auf dem Weg der Besserung, wurde ihr bestätigt.

    „Wann dürfen wir sie besuchen kommen?“ fragte Marie-Theres nur.

    „Sie haben es herausbekommen!“ stellte der Arzt staunend fest, dann fügte er vorsichtig hinzu, „ich meine..., sie wissen...?“

    „Dass es sich um Sofie Waldauer handelt?“ nahm Marie-Theres dem Arzt die Worte aus dem Mund. „Meine Tochter Sofie?“

    „Hm.“


Wir hoffen, dass dir diese schöne Weihnachtsgeschichte für Jugendliche und Erwachsene gefallen hat.
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