Ländliche Weihnachtsgeschichte einer Bauernfamilie

Traudl Wirsing

Dorfweihnacht

christmette

Weihnachten einer Bauernfamilie in einem kleinen Dorf am Ende des 19. Jahrhundert in Deutschland, welche die Christmette in der Dorfkirche besuchen. Diese ländliche Weihnachtsgeschichte eignet sich für die ganze Familie.

Nur wenig Licht fällt durch die trüben Fensterscheiben in die niedrige Stube. Aus dem alten Ofen, der schief und rostig mitten im Raum steht, ist das Knistern und Knacken von brennenden Holzscheiten zu hören. Ein hagerer Mann mit leicht gekrümmtem Rücken hat gerade Brennholz aus dem Schuppen geholt. Jetzt
hängt er seine Joppe über die Ofenstange und geht humpelnd zum Küchentisch.
„Ihr müsst heut alleine zur Christmette gehen“, sagt er und schaut die vier Mädchen, die sich wie Orgelpfeifen auf der schmalen Küchenbank aneinandergedrückt haben, der Reihe nach ernst an.
„Ihr versteht doch, dass ich hier bei eurer Mutter bleiben muss.“ Die Mädchen senken die Köpfe und nicken.
„Liesel, du als Älteste passt auf deine Schwestern auf. Dass ja nichts passiert! –
Nehmt die zwei Laternen und ein paar Streichhölzer mit und haltet euch genau an den Weg.“

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Wie´s früher Heiligabend war

Wenn Großeltern oder Urgroßeltern von früher erzählen, werden Erinnerungen wach, die man sein ganzes Leben nicht vergessen hat: an in Heimarbeit hergestellte Geschenke, an selbstgestrickte Wollsocken, an Puppen, die in der Adventszeit verschwanden und neu eingekleidet zu Weihnachten zurückkamen, an die frühe Morgenmesse am ersten Weihnachtsfeiertag, an Plätzchen aus Eichelmehl, Wunschzettel auf der Fensterbank, die das Christkind über Nacht abholte, an »bunte Teller« und den Blick durchs Schlüsselloch in die gute warme Stube.

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Nach einer Weile hat sich Vroni beruhigt. Liesel putzt ihr aufmunternd die Nase:
„Komm, wir müssen uns beeilen, damit wir nicht zu spät zur Christmette kommen!“
Mariele und Kristine nehmen nun die kleine Schwester in die Mitte und erzählen ihr abwechselnd und mit großem Eifer die Geschichte vom Jesuskind, das in
einer Krippe in einem Stall zur Welt gekommen ist, sie erzählen von den Hirten auf dem Feld und dem Stern von Bethlehem.
„So einen langen Schweif hat der gehabt“, berichtet Mariele und reißt die Arme weit auseinander.
„Ja“, ergänzt Kristine „ und mit dem Schweif hat er den Weisen aus dem Morgenland den Weg zum Jesuskind gezeigt.“
Jetzt haben sie das Dorf erreicht. Aus allen Richtungen treffen fast gleichzeitig Leute aus der Nachbarschaft und aus den umliegenden Weilern ein. Schon von
weitem wird gegrüßt: „He, der Draxl Sepp lässt sich auch mal wieder blicken!“
und wie ein Lauffeuer verbreiten sich die allerneuesten Neuigkeiten und die unglaublichsten Gerüchte.
Die Kinder sind wie jedes Jahr an Weihnachten vollkommen überdreht. Von den Müttern oder den Hausmägden unerbittlich mit Kernseife geschrubbt und in das
feine Feiertagsgewand gesteckt, fiebern sie mit kühnsten Erwartungen der Bescherung zuhause in der guten Stube entgegen.
Schüchtern und still bleiben die vier Mädchen nahe der Kirchentür stehen. Der Vater hat ihnen schon gesagt, dass das Christkind wohl auch dieses Jahr den Weg
zu ihrem Haus nicht finden wird.
Plötzlich tut sich was an der Auffahrt zum Kirchplatz. Neugierig drehen alle die Köpfe und staunen über den ankommenden Pferdeschlitten.
„Hehe, der Wastlhuber hat schon wieder zwei neue Rösser!“
Die Frauen tuscheln und recken die Hälse, um die korpulente Bäuerin, die im pelzbesetzten Lodenmantel hoch erhobenen Hauptes vom Schlitten steigt, in
Augenschein zu nehmen. Aufmerksamkeit heischend wendet sich diese mehrmals nach allen Seiten.
Der Bauer geht schnurstracks auf die umstehenden Leute zu. Mit kräftigem Handschlag begrüßt er die Männer und zieht vor den Frauen respektvoll den Hut.
Nun eilt er zum Schlitten zurück und hebt liebevoll einen kleinen Buben hoch.
„Magst noch mal den Schwarzen streicheln?“
Das eifrige Nicken des Kindes entlockt ihm ein herzliches Lachen. Wachsam hält er das Pferd am Zügel, während die kleinen Hände in den neuen, mit Leder
besetzten Handschuhen ungeschickt über den mächtigen Pferdekopf streicheln.
„Versorg die Rösser“, weist er schließlich den Pferdeknecht an und gesellt sich mit dem Buben auf dem Arm zu den Dorfleuten.
„Gib mir das Kind“, ist da die schneidende Stimme der Bäuerin zu vernehmen.
Sie packt den Jungen, der sich ängstlich an den Bauern klammert.
„Meine Leut sollen auch sehen, dass wir jetzt ein Kind haben – den künftigen Jungbauern!“
Sie zieht den verschreckten Buben hinter sich her und stapft auf eine Personengruppe zu.

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„Da, schaut´s her, das ist unser Hansi! Schaut´s, was ich dem für ein schönes Gewand hab machen lassen!“ Sie rudert wild mit den Armen, dreht den Hansi
mal so, mal anders rum und redet ohne Punkt und Komma.
„Seit August ist er jetzt schon bei uns“, erzählt sie ihrer Schwägerin, die ihr an Neugier und Geschwätzigkeit kaum nachsteht. „So dünn wie ein Faden ist er
gewesen als ihn der Bauer von dem Taglöhner abgeholt hat und nichts am Leib als ein paar Stofffetzen hat er gehabt und gesagt hat er auch keine Silbe und
aufgepäppelt hab ich ihn und ihm was Gescheites zum Anziehen besorgt und ein eigenes Zimmer hab ich ihm auch herrichten lassen und …“
Die restlichen Worte gehen im alles übertönenden Glockengeläut unter.
Während sich die Leute dicht gedrängt durch die Kirchentür schieben, stehen Liesel und ihre drei Schwestern wie erstarrt. Sie sehen die Bäuerin wild
gestikulierend in ein Gespräch vertieft und an ihrem ausgestreckten Arm den kleinen Hansi, der kaum Schritt halten kann.
„Hansi!“, ruft Vroni und möchte auf ihn zurennen. Liesel hält sie fest.
„Du weißt, dass das die Bäuerin nicht will!“
Aber da hat Hansi seine Schwestern entdeckt. Sofort reißt er sich los und stürmt auf Vroni zu, die ihn überglücklich an sich drückt. Auch Kristine und Mariele
umarmen ihn so fest, dass ihm fast die Luft wegbleibt.
„Lasst sofort das Kind los“, kreischt die Bäuerin und packt die zwei Mädchen so hart am Oberarm, dass es ihnen die Tränen in die Augen treibt.
„Her da“, schnauzt sie dann Hansi an und schleift den weinenden Buben in die Kirche.
Jetzt steht der Bauer vor den vier Schwestern. Er weiß nicht, was er sagen soll.
Deshalb nickt er nur und geht mit gesenktem Kopf durch die Kirchentür.
Nie im Jahr ist die Kirche schöner und festlicher geschmückt als an Weihnachten.
Die Mädchen staunen über die Vielzahl der Lichter, die alles in einen so wunderbar warmen Schein tauchen, über die große Krippe mit den lebensecht bemalten
Figuren und über den mit roten Kugeln behängten Tannenbaum. Der Pfarrer hat das prächtigste Messgewand angelegt und Jung und Alt singen voller Andacht die schönsten Weihnachtslieder.
Hansi sitzt ganz vorne bei den reichen Bauernfamilien, während seine Schwestern in der letzten Bankreihe Platz genommen haben. Immer wieder dreht er sich
suchend um und jedes Mal versetzt ihm die Bäuerin einen Stoß mit dem Ellbogen.
Liesel beißt sich auf die Lippen. Am liebsten würde sie nach vorne rennen und der Bäuerin den Hansi wegnehmen und ihr vor der ganzen Gemeinde sagen, was für eine dumme und bösartige Person sie ist.
Aber sie weiß auch, was der Vater gesagt hat: Der Bauer hat viele Jahre lang vergeblich auf eigene Kinder gehofft. Jetzt hat er den Hansi, und der wird es gut
bei ihm haben.
Dass der Wastlhuber den Hansi an Kindes statt annehmen wollte, hatte bei einigen im Dorf unverhohlenen Neid geweckt. Ausgerechnet der Fratz vom Rieder Hans! Da hätt sich schon eine bessere Herkunft finden lassen!
Andererseits wollte auch das Gerücht nicht verstummen, der Bauer hätte beim Rieder noch eine Schuld zu begleichen. Die Geschichte sollte lange zurückliegen.
Keiner wusste was Genaues.
Was für ein Hallodri der Wastlhuber in seiner Jugend angeblich gewesen wäre, darüber spekulierte man selbst jetzt noch halbe Nächte lang am Stammtisch beim
Dorfbräu. Die Mutter hatte nicht mal den allerwinzigsten Gedanken daran zugelassen, den Hansi hergeben zu müssen. Es würde schon irgendwie gehen! Nie, niemals durfte die Familie auseinander gerissen werden!

Trotz aller Anstrengungen, die unternommen wurden, musste sie jedoch im Laufe der Zeit einsehen, dass der Vater seit seinem Unfall viele Arbeiten nicht mehr
annehmen konnte und dass das Geld nicht hinten und nicht vorne reichte. Aber ein gerade mal vier Jahre altes Kind weggeben müssen …!
Seitdem der Hansi vom Bauern abgeholt worden war, hatte sich die Mutter verändert. Sie, die immer Zuversicht und Fröhlichkeit verbreitet hatte, zeigte sich
plötzlich in sich gekehrt, hohlwangig und kränklich. Immer wieder musste der Vater zuhause bleiben und die Mädchen und das Hauswesen versorgen, weil sie zu
schwach war. Jetzt lag sie seit Tagen mit hohem Fieber im Bett und Liesel wusste, dass sich der Vater große Sorgen um sie machte. Tag und Nacht schaute er nach ihr, legte ihr kühlende Wickel auf, flößte ihr heißen Kräutertee ein und quälte sich dazu mit den schlimmsten Selbstvorwürfen, weil kein Geld für einen Arzt da war.
Der Mesner liest mit leiernder Stimme die Fürbitten vor.
„Gewähre allen Gläubigen ein friedvolles Weihnachtsfest.“
„Wir bitten Dich, erhöre uns.“ Ein paar ältere Frauen haben die mitgebrachten Wachsstöcke angezündet. „Schenke allen Notleidenden Trost und Hilfe.“
„Wir bitten Dich, erhöre uns.“
Da schießt Liesel plötzlich eine Idee durch den Kopf.
Wenn sie jetzt …
Nein, nein, das geht auf keinen Fall!
Aber sie könnte doch …
Nein, das traut sie sich nicht.
Wenn ich doch ein bisschen mehr Courage hätte …!
Jesuskind, hilf mir! Lass mich mutig sein, lass mich bitte dieses eine Mal mutig sein!
Ihr Herz rast und hämmert in der Brust, so dass sie fürchtet, gleich tot umzufallen.
Sie kann ihre Beine nicht bewegen, und dennoch springt sie im nächsten Augenblick aus der Kirchenbank und läuft nach vorne, vorbei an erstaunten
Gesichtern, die sich ihr zudrehen, vorbei an dieser eingebildeten Person, die ihr den kleinen Bruder weggenommen hat. Zitternd und atemlos stellt sie sich neben den Mesner, dem die nächste Fürbitte im Hals stecken bleibt.
Sie kann nicht sprechen, ihre Knie schlottern zum Gotterbarmen, alles dreht sich.
Trotzdem hört sie sich selber im nächsten Augenblick laut und deutlich sagen:
„Gott im Himmel, gib meiner Mutter ganz schnell wieder Gesundheit und Lebensfreude. Hilf meinem Vater, dass er eine gute Arbeitsstelle findet, damit er
unsere Familie wieder versorgen kann und … und mach, dass mein kleiner Bruder wieder zu uns nach Hause kommt.“
Niemand rührt sich. Alle starren.
Der Mesner hüstelt nervös und zerrt an seinem Kragen.
Mit hochrotem Kopf ringt der Bürgermeister in der ersten Bankreihe nach Worten, findet aber keine.
„Wir bitten Dich, erhöre uns“, betet der Wastlhuber.
Die Leute werfen die Köpfe rum, einige raunen und flüstern. Entrüstet stemmt die Wastlhuberin die Hände in die Hüften.
Unbeirrt erhebt da der Bauer erneut seine Stimme: „Herr im Himmel, nimm Dich der Kinder an, die voller Mut und Liebe um das Wohlergehen ihrer Familien
kämpfen.“

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